Mittwoch, 21. Januar 2009

Mittel und Zweck

Schlechte Zeiten für Gefühle
Ein ehrlicher Unternehmer trägt vor.

Der Mensch steht keinesfalls etwa - wie Neoromantiker der Sozialpolitik es gern sähen - im Mittelpunkt des Betriebes. Dort steht etwas ganz anderes. Dort steht die Produktion, der sachliche, der wirtschaftliche Erfolg. Denn um ihretwillen ist der Betrieb da. Sein alleiniger Zweck ist die Produktion von Gütern, von Waren die andere brauchen. Alle seine Mittel sind darauf ausgerichtet und miteinander dahingehend abgestimmt, dieses bestmöglich zu erreichen, d.h. so billig wie möglich und so gut wie möglich so viel Güter zu produzieren und abzusetzen wie möglich. Damit dies erreicht wird muß der Betrieb funktionieren, muß jeder seiner Teile funktionieren, müssen alle seine technischen und organisatorischen Mittel funktionieren.
Zu den Mitteln , die er hat und derer er sich bedienen muß, damit das Ziel erreicht wird, gehören auch Menschen. Da alle Mittel funktionieren müssen, müssen auch Menschen funktionieren. Was funktioniert ist Funktion. Der Betrieb braucht die Menschen nicht als Menschen, die Gott bei ihrem Namen gerufen hat, sondern als Funktionen. Er braucht nicht den Franz S. und den Ernst K., nicht den Heinz B., sondern er braucht einen Schlosser, einen Kraftfahrer, einen Buchhalter. Franz S. ist der Schlosser, Ernst K. der Kraftfahrer und Heinz B. der Buchhalter. Der Betrieb verwendet sie in diesen Funktionen, er braucht sie in diesen Funktionen, in keinen anderen.

Braucht er keinen Buchhalter mehr, weil dessen Arbeit von einer Rechenmaschine übernommen wird, so muß er sich von Heinz B. trennen, so wertvoll dieser Mensch auch sein mag. Denn dem Betrieb nützt der wertvolle Mensch nichts, sondern ihm nützte bisher der Buchhalter. Wird Ernst K. so nervös, daß er den Straßenverkehr nicht mehr bewältigen kann, so muß der Betrieb sich von Ernst K. trennen. Es kann ihm nicht auf den Menschen, sondern nur auf den Kraftfahrer ankommen. Da K. nicht mehr Kraftfahrer sein kann, muß er gehen, und der Betrieb muß einen anderen Kraftfahrer einstellen, denn den braucht er.

Das klingt unmenschlich und ist auch unmenschlich. Aber es ist nicht im moralischen Sinne unmenschlich, sondern in einem ganz nüchtern-sachlichen. Der Mensch ist vom Betrieb nicht als Mensch, sondern als Funktion gefragt. Der Mensch als solcher ist für den Betrieb nichts, die Funktion die er ausüben kann, alles. Ganze Berufe fallen weg, und die Menschen, die sie ausübten, werden überflüssig, wenn sie nicht anders nutzbar sind: umgeschult oder umgelernt.

Funktionen und Funktionäre müssen also wesensmäßig ersetzbar sein. Da sie innerer Teil eines Ganzen - des Betriebes - sind, sind sie ersetzbares Teil und - von der Kehrseite gesehen - Ersatzteile. Ersatzteile müssen griffbereit sein, eine Nummer tragen. Das Wesentliche und Wichtige an ihnen ist diese Nummer, die angibt wie sie als Ersatzteil verwendet werden können. Ein Mensch aber, dessen wichtigstes, dessen Wesensmerkmal für den Betrieb die Nummer ist, die er trägt, ist selber Nummer. Und in diesem Sinne sind wir alle Nummern. Nummernsein gehört zum Wesen des Menschen im industriellen Massenzeitalter.
(Auszug aus einem Vortrag des BASF Direktors Dr. Hans Albrecht Bischoff, 1962)
Rainer Duhm und Harald Wiesner (Hg.). Krise und Gegenwehr. Rotbuchverlag. Berlin 1975. S. 113



Der Mensch ist zwar unheilig genug, aber die Menschheit in seiner Person muß ihm heilig sein. In der ganzen Schöpfung kann alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch bloß als Mittel gebraucht werden; nur der Mensch und mit ihm jedes vernünftige Geschöpf, ist Zweck an sich selbst. Er ist nämlich das Subjekt des moralischen Gesetzes, welches heilig ist, vermöge der Autonomie seiner Freiheit. Eben um dieser willen, ist jeder Wille, selbst jeder Person ihr eigener, auf sie selbst gerichteter Wille, auf die Bedingung der Einstimmigkeit mit der Autonomie des vernünftigen Wesens eingeschränkt, es nämlich keiner Absicht zu unterwerfen, die nicht nach einem Gesetze, welches aus dem Willen des leidenden Subjekts selbst entspringen könnte, möglich ist; also dieses niemals bloß als Mittel, sondern zugleich selbst als Zweck zu gebrauchen.
Immanuel Kant. Kritik der praktischen Vernunft. Felix Meiner Verlag. Hamburg 2003. S.118


Nun hat - dem Himmel sei's gedankt - eine glückliche Fügung des Schicksals dafür gesorgt, dass "der Betrieb" kein "vernünftiges Wesen" ist - für manchen aber - dessen ungeachtet - offenbar ein "höheres".

Die Ahnenreihe der deutschen Liberalen reicht von Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt über den Reichsfreiherrn vom und zum Stein und Friedrich List bis zu Rudolf von Benningsen, Eugen Richter, Friedrich Naumann und Gustav Stresemann.
Peter Juling (Hg.). Was heisst heute liberal? Bleicher Verlag. Gerlingen bei Stuttgart 1978. S.11.


3 Kommentare:

mephane 22. Januar 2009 um 10:36  

Nicht überraschend, auch kaum noch erschreckend, doch aber erhellend zu sehen, wie ein "Manager" (früher hätte man gesagt "Kapitalist") kalt und unbewegt darüber sprechen kann, dass Menschen nur Funktionen, Ersatzteile und Nummern seien.

Was mit den nicht benötigten "Ersatzteilen" passieren soll, die man nicht in neue Funktionen pressen kann, oder die einfach zahlenmäßig überschüssig sind (Was im Kapitalismus ja von Unternehmerseite ausdrücklich erwünscht ist, denn der Markt für Arbeitskräfte soll für sie ja ein Käufermarkt bleiben!), ist dann natürlich herzlich egal. Hauptsache der Betrieb funktioniert, d.h. wirft maximalen Profit ab.

Aber natürlich sind alle, die den unmenschlichen Kapitalismus abschaffen wollen, ganz böse Verfassungsfeinde, Terroristen, Extremisten.

René 23. Januar 2009 um 19:51  

Ich würde das nicht so einseitig sehen. Nicht nur ist der angestellte eine Zahl, auch für den Angestellten ist der Unternehmer eine Funktion für Lohn und kein Mensch. Der Arbeitnehmer geht nicht auf Arbeit, weil er den Unternehmer als Menschen schätzt. Zahlen und Funktionen sind die Spielregeln, die wir uns für das Marktsystem geschaffen haben. Das taten wir unter der Annahme, die mittelbaren Zwischenziele der Profitsteigerung würden letztlich allen Zugute kommen. Denn der Unternehmenszweck Gewinn ist nicht das Ziel des Unternehmens, sondern ein Zwischenziel, über das Wohlstand für alle generiert werden soll. Jedenfalls in der wirtschaftsliberalen Theorie. Die Kräfte des Marktes bringen Wohlstand, deshalb müssen sie frei spielen dürfen, ist das Argument. Daran sieht man, das Ziel ist Allgemeinwohlstand und nicht Unternehmensgewinn. Reine Unternehmensgewinne haben keine gesellschaftliche Legitimität. Die Mafia z.B. hat keine Legitimation. Dabei ist ihr Ziel auch die Gewinnmaximierung. Da schieben wir aber einen Riegel davor und sagen: So nicht! Das heißt, Gewinne sind das Ziel von Unternehmen, aber es gibt einen weiteren Zweck, den das Unternehmen für die Gesellschaft erfüllen muß. Wird dieser Zweck nicht erfüllt, wird das Unternehmen verboten, wie z.B. die Mafia. Es wird viel zu viel über die Ziele von Unternehmen geredet als über die Funktion, welche Unternehmen für die Gesellschaft haben. Die Erklärung, daß ein Unternehmen Gewinne machne müsse, weil dies sein Zweck ist, bedarf der Ergänzung, daß dieser Zweck dazu dient, allgemeinen Wohlstand zu schaffen. Darum wünschte ich mir, daß jedesmal, wenn ein Unternehmen Gewinnmaximierung betreibt, es zugleich erklärt, wie dies der Gemeinschaft zugute kommt.

Kurt aka Roger Beathacker 23. Januar 2009 um 22:02  

Und alle waren gleich, aber manche waren etwas gleicher als die anderen. Das "wir" finde ich etwas fehl am Platz, denn zumindest ich gehoere nicht zu jenen die "sich" das "Marktsystem" geschaffen haben. Ich habe marktfoermige Beziehungen lediglich vorgefunden und erlebe, dass sie offenbar an Dominanz gewinnen. Weiter haben jur. Personen keine Ziele, sondern die nat. Personen, die hinter ihnen stehen, also nicht Unternehmen, sondern Unternehmer oder Aktionaere. Ferner ist der Gewinn sehr wohl das Ziel des Unternehmers/der Aktionaere/Kommanditisten usw. Dabei kann sich die Gewinnabsicht durchaus ueber den rein materiellen Bereich hinaus erstrecken, auf Prestigegewinn, Einflussmoeglichkeiten, Macht usw. Der vielbesungene "Wohlstand fuer alle" jedenfalls, ist eher ein "Abfallprodukt und eine nachgereichte Rechtfertigung. In der Tat liegt im Uebrigen der Unterschied nicht in der Sache, sondern in der "Legitimitaet", also darin, ob man sein "Unternehmen" ueberzeugend zu rechtfertigen weiss oder nicht. Der geregelte Betrug geht in Ordnung, der ungeregelte nicht. Wobei eigentlich immer mitgefragt werden muss: wer erteilt (faktisch!) die Legitimation, bzw. bei wem ist sie einzuholen?

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