Sonntag, 18. Januar 2009

Biedermann als Brandstifter?

Bildquelle: peter-hahne.de

Peter Hahne ist ein ehrenwerter Mann,


darüber legen u.a. zahlreiche Einträge im Internet beredtes Zeugnis ab. So lesen wir z.B. bei Wikipedia:

Peter Hahne ist seit 1992 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, des höchsten Leitungsgremiums der EKD. [...] Mit über 800.000 verkauften Exemplaren wurde sein Buch Schluss mit lustig, eine Abrechnung mit der sog. "Spaßgesellschaft", der Jahresbestseller der Spiegel-Liste im Jahr 2005, im Jahr 2006 erreichte es Platz fünf.

1983 erhielt Peter Hahne den Kurt-Magnus-Preis der ARD, 1995 den Preis für Evangelische Publizistik und 2000 den Goldenen Gong für herausragende Hauptstadt- Berichterstattung. Er ist Ehrenkommissar der Bayerischen Polizei und gewann den Bambi-Publikumspreis als beliebtester Nachrichtenmoderator von ARD/ZDF.

Bei Amazon.de erfahren wir:

Der Bestsellerautor Peter Hahne ist bekannt dafür, klar zu denken und überzeugend Klartext zu sprechen. Allwöchentlich begeistert er Millionen Leser mit seiner Kolumne »Gedanken am Sonntag« in BILD am SONNTAG. Darin spürt er den großen Themen unserer Zeit nach und bezieht Stellung zu den kleinen Alltagsdingen des Lebens, die uns betreffen und berühren: Anregungen zum Innehalten und Nachdenken.

Und nun wollen wir, neugierig geworden, selbst einmal nachlesen, mit was dieser honorige Mitmensch jeden Sonntag Millionen Leser begeistert und uns ebenfalls zum "Nachdenken und Innehalten" animieren lassen. Heute z.B. offenbart Peter Hahne uns in seiner Kolumne "Gedanken am Sonntag" unter dem Titel "Über unser Land als neues Paradies der Faulpelze" folgendes:

Deutschland fleißig Vaterland, das war einmal. Aus dem Volk der Fleißigen sind offenbar faule Säcke geworden, die während der Dienstzeit privat im Internet surfen oder sich beim Arzt im Wartezimmer rumdrücken, geschickte Urlaubsbrücken bauen und um 16.58 Uhr ihre Stullendose einpacken, damit sie pünktlich um fünf in den Feierabend verschwinden können.
[...]
Am selben Tag erschienen jetzt zwei Untersuchungen, die das belegen: Wir Deutsche sind Weltmeister bei Arztbesuchen, am liebsten gehen wir montags oder vor Brückentagen zum Doktor, durchschnittlich 18-mal pro Jahr. Und immer mehr Arbeitnehmer verrichten ihren Dienst nur noch "nach Vorschrift", weil sie innerlich längst gekündigt haben. Vergnügen hat Vorfahrt vor Verantwortung und Verpflichtung.

Wissenschaftler haben Versichertendaten einer Krankenkasse aus den vergangenen vier Jahren ausgewertet und hochgerechnet. 9,7 Millionen Menschen besuchten am 1. Oktober 2007 einen Arzt. Rein zufällig war dieser 1. 10. ein Montag, der nächste Mittwoch ein Feiertag und den Rest kann sich jeder selbst zusammenreimen . . .

Es versteht sich von selbst, dass ein so honoriger Mitmensch wie Peter Hahne es nicht für nötig erachten muss, etwa Quellen für seine Behauptungen anzugeben oder die Wissenschaftler, auf die er sich beruft, namentlich zu benennen. Wenn man einem wie Ihm schon nicht vertrauen könnte, wem wohl dann?

Nun ist es aber leider so, dass ich anscheinend ein übertrieben misstrauischer Zeitgenosse bin und siehe: ein wenig Internetrecherche fördert ein ganz anderes Bild zu Tage, denn in der Tat erweist es sich zwar als zutreffend, dass der Krankenstand im Jahr 2008 gegenüber dem Vorjahr wieder leicht angestiegen ist, dabei ist jedoch festzuhalten, dass er im Jahr 2007 zum wiederholten Mal auf einen historischen Tiefstand gesunken war:

Der Krankenstand ist im vergangenen Jahr auf ein Rekordtief gefallen. Von Januar bis Dezember hätten jeden Tag durchschnittlich 3,21% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wegen Krankheit am Arbeitsplatz gefehlt, erklärte das Bundesgesundheitsministerium [...]. Im Vorjahr seien es noch 3,29% gewesen. Damit habe die Zahl der Krankmeldungen 2007 den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht, in Westdeutschland sogar seit Einführung der Lohnfortzahlung 1970

Quelle: finanzen.net

Man beachte: bei diesem Rekordjahr 2007 handelt es sich um eben jenes Jahr, das Hahne sich für sein skandalöses Beispiel herausgesucht hat! Soweit ich es bei vertretbarem Zeitaufwand zurückverfolgen konnte, wurden Rekordtiefstände jeweils für die Jahre 2002, 2003, 2004, 2005, 2006 und 2007 gemeldet. Erst für das Jahr 2008 ist wieder ein leichter Anstieg des Krankenstandes zu verzeichnen:

Erstmals seit Jahren ist der Krankenstand in Deutschland wieder gestiegen. Laut der Statistik des Bundesgesundheitsministeriums war der deutsche Durchschnittsarbeitnehmer im Jahr 2008 3,4 Prozent seiner Soll-Arbeitszeit krank geschrieben. Dies entspricht einer Steigerung um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr und etwas 7,5 Tage im gesamten Jahr.

Quelle: noows.de

Wenn man also die Statistiken über einen längeren Zeitraum betrachtet, dann bietet sich gerade nicht das Bild zunehmender "Faulheit", sondern ganz im Gegenteil, das Bild geradezu übermäßigen, ständig wachsenden Fleißes und zunehmender Beflissenheit. Die Gründe dieser niedrigen Krankenstände sind freilich vornehmlich in der sukzessiven Demontage des Sozialstaats und der damit einhergehenden Erhöhung des Drucks auf die Arbeitnehmerschaft zu suchen und nicht etwa in rapide sich entwickelnder Volksgesundheit. Wenn Menschen aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes nicht mehr wagen, im Krankheitsfall den Arzt aufzusuchen, geschweige denn sich krankschreiben zu lassen, dann hat das rein gar nichts mit Fleiß, dafür aber sehr viel mit Einschüchterung und Unterdrückung zu tun.

Hahnes Gerede von den "guten alten Tugenden" entlarvt sich somit selbst als Etikettenschwindel. "Trugbild statt Vorbild", das gilt nicht etwa für die "Arbeitsmoral" der deutschen Arbeitnehmerschaft, dem Gegenstand von Hahnes "Gedanken zum Sonntag", sondern vielmehr für den Verfasser dieses Elaborates selbst. "Deutschland fleißig Vaterland" - eine ohnehin schon selten geistlose Sentenz, schließlich ist "Fleiß" weder eine geographische Eigenschaft noch eine Eigenschaft politischer Staatengebilde - "Deutschland fleißig Vaterland" - wenn man diese krumme Konstruktion, ihrer Unsinnigkeit zum Trotz, denn doch noch aufgreifen mag - das war noch nie; und wenn es überhaupt einen Zeitpunkt gibt, auf den diese ideologische Worthülse sich halbwegs anwenden ließe, dann wäre dieser Zeitpunkt gerade erst gekommen: heute, da mehr Menschen in diesem Land einer Erwerbstätigkeit nachgehen (müssen) als je zuvor und der Krankenstand, trotz leichten Anstiegs 2008, noch immer weit niedriger liegt, als man es sich zu den von Hahne als "vorbildlich" verklärten Zeiten je hätte träumen lassen ("Rekordtief" 2003: 13,5 Tage, Stand 2008: 7,5 Tage).

Den absoluten Gipfel der Frechheit aber erklimmt der ehrenwerte Herr Hahne, wie kaum anders zu erwarten, erst am Ende seiner tiefschürfenden Betrachtungen:

es darf nicht sein, dass Drückeberger-Deutschland das letzte Drittel, das noch engagiert bei der Sache ist, die komplette Arbeit machen lässt.

Es zeigt sich: Peter Hahne hat nicht nur unrecht im Sinne eines Irrtums oder aus Unwissenheit, sondern er diffamiert hier mit schon beinahe unfassbarer Kaltschnäuzigkeit und offensichtlich ganz vorsätzlich zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung Deutschlands und einen womöglich noch grösseren Prozentsatz seiner Leser. Wir halten fest: nur "das letzte Drittel" macht Hahnes Aussage zufolge die komplette Arbeit. Die übrigen zwei Drittel hingegen haben ihren Arbeitsplatz offenbar bloß, um sich permanent vor der Arbeit drücken zu können. Damit ist klar: die sind nicht nur faul, wenn sie "krankfeiern", sondern auch dann, wenn sie (vorgeblich) ihrer Arbeit nachgehen.

Jemand der einen solchen Schwachsinn zusammenschreibt, sollte sich freilich nicht wundern, wenn ihm womöglich vorgeworfen wird, dass ihm wohl entweder das "klare Denken", für das zumindest ein Klappentexter ihn einmal gepriesen hat, ausgegangen sein muss, oder aber, dass er ein hinterfotziger Intrigant und Volksverhetzer sei. Etwas, das ich freilich ausdrücklich nicht tun werde, denn

Peter Hahne ist ein ehrenwerter Mann!


Bildquelle: peter-hahne.de


Lesen Sie hierzu auch:
Biedermann sucht Feuerlöscher (nebenbei bemerkt ... - 25.01.2009)
Ein Vordenker? (ad sinistram - 04.02.2009)
Gottes Mann beim ZDF (taz - 05.02.2009).

7 Kommentare:

Mowitz 18. Januar 2009 um 17:06  

Da sieht man wieder. Hahne in der obersten Hierarchie der EKD. Erklärt auch das wortreiche Verschweigen der gesellschaftlichen Zustände in Deutschland.

Lesesnswert zum Thema; dieser Artikel in der jungen Welt:

Weihnachtsgeschichte 2008: Die Evangelische Kirche in Deutschland glaubt an Kapital und Militär – von Wohlstand für alle kann da keine Rede sein....

http://www.jungewelt.de/2008/12-24/017.php

klaus baum 18. Januar 2009 um 21:15  

"die faulsten Schweine, gerade die, nennen uns stinkendfaul"

biermann in seinem lied ahh ja:

http://www.youtube.com/watch?v=sDlNuPf_w1c

Die Ideologie, die Hahne da verbreitet, wird ihm vermutlich vom INSM finanziert. Solche Ideologie ist ja auch schon in Fernseh-Serien verkündet worden, nachweislich gegen Entgelt platziert vom INSM.
Und was die EKD betrifft, so ist die Entschuldigung des Herrn Huber bei Herrn Ackermann verwerflich genug.

chriwi,  19. Januar 2009 um 12:40  

Peter Hahne sollte erst mal Fleiß definieren bevor er über Faulheit lamentiert. Es wird nur noch Arbeit nach Vorschrift gemacht. Wie soll es denn auch anders gehen, wenn alle Freiräume zielgerichtet abgeschafft werden. Wird denn zusätzliche Motivation belohnt? Meistens nicht. Stattdessen wird von oben gedrückt und getreten.

An und für sich sollte es ein Lob sein, dass unser Land ein Paradies der Faulpelze ist. Denn dann hätte man es geschafft einen hohen Lebensstandart mit wenig Arbeit zu halten. Man könnte sich anderen Dingen hingeben und würde ausbrechen aus den Gesetzen des Marktes. Das sieht er natürlich nicht der Peter. Gut bezahlt am oberen Ende der Leiter macht er, was viele dort machen. Er bildet sich eine Meinung von oben herab über Dinge die er nicht kennt. Es ist als wenn der Papst über Verhütung redet.
Setzt ihn ein Jahr in ein Callcenter oder als Leiharbeiter in ein Autowerk und er wird sein Buch umschreiben.

epikur 19. Januar 2009 um 15:31  

Guter Beitrag Kurt! :)

Genauso wie vor einiger Zeit Roberto, Günter Jauchs Weltbild und Ideologie offengelegt hat, ist dieser Beitrag von Dir auch immens wichtig. Er offenbart nämlich wie unsere vermeintlichen "Eliten" denken.

Frei nach der konstruktivistischen Theorie entsteht alles Handeln nämlich durch Weltsicht, Ideologie und Diskurs. Insofern ist es immer wieder wichtig, wenn wir Blogger darauf hinweisen, mit welchem Weltbild diese "Eliten" im wahrsten Sinne des Wortes hausieren gehen. Dann wird einem nämlich vieles klarer.

Benson,  21. Januar 2009 um 17:57  

Da bekommt man ja schon beim Lesen Kopfschmerzen.

Wissenschafter haben EINE Krankenkasse ausgewertet und auf die GESAMTE Bevölkerung hochgerechnet. Und ZUFÄLLIGERWEISE war der Tag ein Montag. Montags sind die Arztpraxen IMMER rappelvoll, da der Krankenstand vom WE abgearbeitet werden muß.

Weiterhin läßt er uns wissen, daß wir durchschnittlich 18mal im Jahr zum Arzt gehen, Komapatienten in der Spitze sogar 356 Tage. Faules Pack!!!
Kann dem Herrn Hahne natürlich nicht passieren, der schmeißt ja auch die halbjährliche Kontrolle beim Zahnklemptner und flext sich seine Beisserchern gleich selbst zum Stumpf.

Aber da der arme Wicht eh nicht Ross und Reiter nennt, wird er wohl selbst am Besten wissen, was er da für Lügengeschichten erzählt.

Knapp 10mio am einen einzigen Tag beim Arzt, wat für ein Spinner!!

Anonym,  5. Februar 2009 um 17:57  

Peter Hahne bezeichnet die Anhänger der Evolution gerne abfällig als Affentheoretiker. Das zeigt, wes Geistes Kind er ist.

Kurt aka Roger Beathacker 5. Februar 2009 um 22:11  

Danke fuer den "Affentheoretiker"; der Begriff hat diesen netten Artikel zutage gefoerdert:
Gottes Mann beim ZDF (taz).
Ueberaus lesenswert!

www.flickr.com


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