Zur Sache: der ganze Beitrag stinkt nach Fake. Den "roten Faden" für das Filmchen liefert ein junger Mann, der als "Immobilienmakler Deniz Tiras" vorgestellt wird:
"Schönen guten Tag. Wir sind verabredet. Gehen wir gleich in die Wohnung. Ich habe schon aufgeschlossen."Die Google Recherche ergibt: der Junge Mann ist gerade 18 Jahre alt und "Azubi" bei der Firma "City-Immobilien" in Görlitz, deren Inhaber wiederum, wie ein Blick ins Impressum der firmeneigenen Website offenbart, anscheinend der Vater des jungen Mannes ist. Im Zuge dieser Nachforschungen förderte der Google Cache ein weiteres Manuskript zu Tage. Offenbar hat man für die "aktuelle" FAKT Sendung ein etwas älteres Filmchen, das bereits am 08.07. im mdr-Nachrichtenmagazin "exakt" zu bestaunen (oder zum Bestaunen vorgesehen?) war, umgeschnitten, umgetitelt und recycelt. Jedenfalls lautete der Titel dazumal "Hartz IV für Polen" und dem Manuskript ist zu entnehmen, dass auch der der Chef von City-Immobilien selbst ein paar Sätze beisteuern durfte. (Screenshot, ca. 200KB).
Wohnungsbesichtigung in Görlitz. Die Stadt an der Neiße befindet sich im Wandel, auch was ihre Bewohner betrifft. Immer mehr Polen kommen zur Schnäppchenjagd nach Deutschland. Im Visier: die hochwertige Bleibe.
"Hartz IV für Polen", das war dann wohl doch ein bisschen zu starker Tobak fürs "seriöse" ERSTE und auch die Anmoderation hat man vorsichtshalber leicht "entschärft". Das "exakt"-Manuskript beginnt mit folgendem Satz:
Für unsere polnischen Nachbarn ist unser Sozialsystem attraktiv. Deshalb siedeln viele Polen in grenznahe Orte um und kassieren hier Wohngeld und Hartz IV.Auf der FAKT-Seite hingegen liest sich das nun so:
Es ist ein neuer Trend: Immer mehr Menschen aus Polen ziehen in die sächsische Grenzstadt Görlitz und leben hier von deutschen Sozialleistungen. Dafür müssen sie nur die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Um die zu bekommen reicht es aus, deutsche Vorfahren nachzuweisen. Und das trifft auf viele Polen aus dem Grenzgebiet zu. Doch nicht nur die Polen profitieren von ihrem Umzug nach Görlitz, auch für die dortigen Makler lohnt es sich.Immerhin, hier wird, wenn auch nicht gerade nachdrücklich, darauf hingewiesen, dass man die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen (mithin: Deutscher sein) muss, um die Wonnen des Hartz IV Daseins genießen zu dürfen. Aber in Wirklichkeit zählt das natürlich nicht, denn die Aussage ist unmissverständlich: Es sind (und bleiben!) Polen, die profitieren. Wo kämen wir denn auch hin, wenn jeder der einen deutschen Pass hat, dadurch auch zum Deutschen würde? Oder anders gelesen: "Dafür müssen sie nur die deutsche Staatsbürgerschaft haben", nicht aber Deutsche sein.
Kommen wir nun aber zu der etwas wirren mathematischen Operation, die mich überhaupt erst zu der ganze Googelei gebracht hat:
Besser Leben in Görlitz
Immer mehr Polen entdecken Görlitz als Wohnort. Während sich die einen hier vergleichsweise günstige Eigentumswohnungen kaufen, leben andere von deutschen Sozialleistungen. Damit fahren sie immer noch besser, als in Polen arbeitslos zu sein. Der ehemalige Schlachter Marek Kostrzewa ist mit seiner Familie von der Nachbarstadt Zgorzelec nach Görlitz gezogen und er rechnet vor: In Polen würde er als Arbeitsloser inklusive staatlicher Unterstützung und Kindergeld knapp 200 Euro pro Monat bekommen. In Deutschland hat die Familie fast das Sechsfache zur Verfügung.
O-Ton: Marek Kostrzewa, Hartz-IV-EmpfängerKnallharte FAKTen sehen wohl doch etwas anders aus:
"Umgerechnet 120 Euro bekommt ein Arbeitsloser, 15 Euro für jedes Kind. Und rund 60 Euro ist die staatliche Unterstützung hoch. Insgesamt kommen dann 195 Euro heraus. In Deutschland bekommt jeder von uns 316 Euro Arbeitslosengeld. Für jedes Kind kommen noch mal 54 Euro dazu, plus 308 Euro Kindergeld und 520 Euro Wohngeld. Das sind insgesamt mindestens 1.198 Euro.
Die Angaben für die beiden Erwachsenen sind (gemäß den neuesten Sätzen) korrekt, jeder Erwachsene erhält 315,90 Euro, die entsprechenden Sätze fuer Kinder bis 13 Jahre betragen allerdings nicht 54,00, sondern 56,60 Euro. Kindergeld gibts 154,00 Euro pro Kind, daraus dürfen wir schließen, dass die Familie zwei (eigene) Kinder hat, da ja 308,00 Euro Kindergeld angegeben wurden.
Rechnen wir zusammen:
Die Familie erhält 421,20 Euro für die Kinder und 631,80 Euro für die beiden Erwachsenen. Das ergibt ohne Miete 1053,00 Euro. Es fehlen also 145,00 Euro um auf die angegebenen "mindestens" 1.198,00 Euro zu kommen. Rechnet man die Miete mit, dann kommt man auf 1.573,00 Euro. Das haut auch nicht hin. Woher kommt da bitteschön der Mindestbetrag von 1.198,00 Euro und wie soll der verstanden werden? Mit oder ohne Miete? Ziehen wir spaßeshalber mal die Beträge fuer die Kinder ab: dann erhalten wir einen Betrag von 1.151,80 Euro. Hm, das ist schon verdammt nah dran, aber immer noch zuwenig.
Offenbar weiß der Betroffene nicht, wieviel Geld er wofür bekommt. Ferner sind die Beträge für die Kinder und die Erwachsenen nicht nach einem einheitlichen Satz angegeben. - Der für die Erwachsenen angegebene Satz entspricht dem aktuellen Stand, der für die Kinder hingegen nicht. Weiters haut, wie man es auch dreht und wendet, die Summe nicht hin. Außerdem werden die ALG II Beträge einzeln, das Kindergeld aber als Gesamtbetrag angegeben. Auf dem Sofa im Hintergrund zählen wir übrigens drei und nicht zwei Kinder. Es wird an keiner Stelle etwas darüber gesagt, wieviele Mitglieder die Familie tatsächlich hat.
Man wird den Verdacht nicht los, dass man hier ein paar Leute als Statisten angeheuert hat, die brav die gewünschten Sätze ins Mikrofon plappern. Mit den Zahlen meinte man es wohl nicht sonderlich genau nehmen zu müssen, Hauptsache am Ende kommt sechsmal so viel raus wie man in Polen bekäme. Zeitgenossen, die auf alles was nicht Müller, Schulze, Meier oder Schmidt heißt spontan xenophobisch reagieren, werden womöglich durch den "fremdländisch" anmutenden Namen des Maklers noch zusätzlich in ihren Ressentiments bestärkt. Die einen "Ausländer" zocken beim Staat die Kohle ab und die anderen "Ausländer" sacken sie ein - und wie man "den Polen" so kennt (oder zu kennen meint), wird der doch alles, was nicht für die Miete draufgeht, auf der anderen Seite der Grenze verjuxen. Nun gut, mag sein, dass diese "Logik" nicht der Intention der Filmemacher entspricht; vielleicht meinte man auch nur, dass es unverdächtiger sei, wenn sich "Ausländer" gegenseitig in die Pfanne hauen - wer weiß?
Es gab mal ein viel beworbenes Waschmittel mit Namen FAKT, von dem die Werbung behauptete, es würde den "Grauschleier" entfernen. Was die Redakteure der gleichnamigen Sendung geritten haben mag, eine derart oberflächliche, das schiere Ressentiment bedienende Scheiße zu senden, bleibt mir freilich nicht nur schleierhaft; es macht auch, dass mir graut.
Nachtrag (22.07.2008; ca. 12:22 Uhr)
Inzwischen gibt es auch das Filmchen online.
Nachtrag (22.07.2008; ca. 15:02 Uhr)
Und hier kann man sich jetzt ein erstes Bild von der Wirkung des Beitrags machen.
Nachtrag (22.07.2008; ca. 22:10 Uhr)
Hier ein weiteres Forum, in dem "der Stammtisch" sich zum Thema äußert.

