Sonntag, 25. Januar 2009

Biedermann sucht Feuerlöscher


Manchmal greift das Feuer, das man an das Haus des Nachbarn legt auf die eigene Hütte über. So geschehen wohl bei Peter Hahne, den sein E-Mail-Postfach nach eigenen Bekunden am vergangenen Montag mit der Meldung: "Achtung! Die maximale Kapazität ist überschritten." begrüßte. Es sei aber nicht etwa voller spam-mails gewesen, so Hahne in der heutigen Ausgabe der BamS, sondern habe lauter Briefe von BamS-Lesern enthalten, "die zu Hunderten ihre Meinung zur letzten Kolumne" geschrieben hätten. Dieses "Echo" habe - so lässt er uns nun wissen - von "Ich lasse mich von Ihnen doch nicht beschimpfen" bis "Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen" gereicht.

"Aufgabe erfüllt!", könnte ich sagen. Denn was kann einem Kommentator Besseres passieren, als Aufmerksamkeit und Aufregung zu erzeugen und eine Diskussion in Gang zu bringen? Doch ich nehme die Kritik, sofern sie nicht bloße Polemik enthält, natürlich ernst.

Und dann demonstriert Peter Hahne, wie man Kritik "ernst nimmt", ohne sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Die häufigste Frage hätte der Herkunft der Daten gegolten, schreibt Hahne weiter und beeilt sich nun nachträglich seine Quellen offenzulegen:

Dass Arztbesuche und Blaumachen über Feiertagsbrücken deutlich zunehmen, vermeldete letzte Woche eine Studie von Wissenschaftlern des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover, die Versichertendaten der Gmünder Ersatzkasse GEK ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet haben.

Man beachte: es handelt sich hier um eine Hochrechnung und nicht etwa um eine empirische Erhebung. Diese Hochrechnung erfolgte anhand der Daten einer einzigen Ersatzkasse, der etwa 1,9% der deutschen Bevölkerung angehören. Nun kann diese Hochrechnung u.U. sehr treffgenau sein, um das aber beurteilen zu können bedürfte es schon einiger zusätzlicher Informationen. Hahne beweist hier, dass er zu Recht zu den deutschen Top-Dilettanten - äh Journalisten zählt und deren gängige Methode perfekt beherrscht: recherche- und reflektionsfrei abschreiben und aufblasen, was immer das eigene Weltbild zu stärken vermag und die eigene Ideologie ins rechte Licht zu setzen geeignet erscheint. Und so lügt er gleich weiter, ähm verrechnet er sich gleich wieder:
Ich kann zum Beispiel nichts daran ändern, dass ausgerechnet der 1. Oktober 2007 mit 9,7 Millionen fast doppelt so viele Arztbesuche verzeichnete wie normal. Knapp zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung saß an diesem Tag im Wartezimmer!

Eine Angabe der web-adresse oder gar eines zu den entsprechenden Studien führenden Links hält Hahne selbstverständlich für entbehrlich und so habe ich erst nach längerem gegoogel immerhin ein einseitiges pdf Dokument aufstöbern können, dem sich folgendes entnehmen lässt:

Dabei ist der Montag besonders beliebt für Arztbesuche: An Montagen liegt die Arztbesuchs-Häufigkeit im Durchschnitt mit acht Prozent doppelt so hoch wie an den übrigen Wochentagen. Durchschnittlich suchten pro Tag 4,4 Prozent der Bevölkerung einen Arzt auf. Pro Tag bedeutet dies durchschnittlich 3,6 Millionen Arztbesuche. Einen Spitzenwert erreichte dabei der 1. Oktober 2007, ein Montag: An diesem Tag suchten 11,8 Prozent der Deutschen einen Arzt auf. Überschlägig hatte jeder niedergelassene Arzt an diesem Tag damit rund 70 Patienten zu behandeln.

11,8% sind gemäß der Hahneschen Arithmetik also "fast doppelt so viel" wie 8%!

Die höhere Besuchsquote an Montagen ist indes kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass, wer am Samstag oder Sonntag erkrankt, ja erst am Montag seinen Arzt aufsuchen kann. So gesehen wäre es nicht einmal verwunderlich, wenn sich Montags dreimal soviel Menschen bei Ärzten einfinden würden als an anderen Tagen. Hinzu kommt, dass seit der Einführung der quartalsmäßig zu entrichtenden sogenannten "Praxisgebühr" in Höhe von 10 Euro manch einer, der gegen Ende eines Quartals Beschwerden verspürt, seinen Arztbesuch nach Möglichkeit über das Quartalsende hinaus verschiebt. Und was ist der 1. Oktober für ein Tag? Genau! - er ist der erste Tag des vierten Quartals. Vor diesem Hintergrund erweist sich in Bezug auf Hahnes "These", dass Deutschland das "Paradies der Faulpelze" sei, auch seine triumphierende Feststellung, dass an jenem 1.Oktober beinahe 12% der Gesamtbevölkerung einen Arzt aufgesucht habe als vollkommen wertlos. Es geht schließlich nur etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung irgendeiner Erwerbstätigkeit nach und wie viele Erwerbstätige an diesem Tag beim Arzt waren erfahren wir ja nicht. Es ist aber anzunehmen, dass gerade Menschen mit niedrigem Einkommen, wie etwa Rentner oder Arbeitslose zu jenen gehören, die ihre Arztbesuche besonders eng mit dem Inhalt ihres Geldbeutels abstimmen müssen und deshalb eben Arztbesuche über das Quartalsende zu schieben bestrebt sind. Natürlich bedeutet das alles nicht, dass es gar niemanden gäbe, der sich durch eine Krankschreibung ein verlängertes Wochenende zu bauen versucht. Allerdings fehlt der Nachweis, dass es sich dabei tatsächlich, wie Hahne es uns suggerieren möchte, um ein "Massenphänomen" handelt. Und mal im Ernst: wenn ich mir wirklich so ein "verlängertes Wochenende" bauen und es obendrein (als Kurzurlaub) genießen möchte, dann gehe ich am Freitag zum Arzt und nicht erst am Montag.

Dazu passt die andere Studie, in der es darum geht, dass zwei Drittel der Deutschen nur noch Dienst nach Vorschrift machen. Dieses vernichtende Faulpelz-Urteil fälle ja nicht ich, dazu kommt die aktuelle internationale Umfrage des Gallup-Instituts, das in Deutschland die Antworten von 1895 Arbeitnehmern erfasst hat.
Das sind die Fakten. Sorry, aber mir bleibt nur mit Martin Luther zu sagen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!"

Was nun diese zweite Studie angeht, so wird sie alljährlich durchgeführt und es finden sich beinah gleichlautende (immer alarmierende!) Meldungen aus jedem einzelnen Jahr im Netz, denen sich im Großen und Ganzen freilich bloß entnehmen lässt, dass sich, wie die nachstehende Tabelle zeigt, seit Jahr und Tag nichts oder so gut wie nichts geändert hat:


Und schaut man sich nur die Ergebnisse der letzten zwei Jahre an, dann könnte man sogar behaupten, dass die Lage sich "gebessert" habe, denn gegenüber dem Vorjahr hat die Zahl der Mitarbeiter mit "hoher emotionaler Bindung" ja um ein Prozent zugelegt, während die Zahl jener mit "geringer emotionaler Bindung" um eben dieses eine Prozent abgenommen hat.

Ganz abgesehen davon kann man über den Wert solcher Erhebungen durchaus geteilter Meinung sein. Denn wenn ich jemanden frage, ob er sich "emotional mit seinem Betrieb verbunden" fühlt und er diese Frage verneint, so folgt daraus noch nicht, dass er seine Arbeit auch tatsächlich schlechter ausführt als jemand, der diese Frage mit einem begeisterten JA! beantwortet. Es ist nicht einmal festzustellen, ob der Befragte "wahrheitsgemäß" geantwortet hat. Wenn ich z.B. in einer Gesellschaft diese Frage stelle, in der es als "angemessen" gilt, ein nüchternes, sachliches Verhältnis zu seiner Erwerbsarbeit zu pflegen, wird die Antwort seltener JA! lauten, als in einer Gesellschaft in der ein eher emotionales, persönliches Verhältnis erwartet wird. Im Übrigen verweise ich zu diesem Thema auf den Vortrag eines Managers, den ich vor ein paar Tagen hier veröffentlicht habe. Wie letztendlich gearbeitet wird, lässt sich aus solchen Umfragen jedenfalls nicht ablesen.

Immerhin räumt Hahne abschließend ein:
Es stimmt, dass nicht jeder aus sich heraus faul und lustlos ist und die Flucht ins Wartezimmer nicht nur Drückebergerei, sondern auch Antwort auf diesen Druck sein kann.

um sogleich einen neuen Sündenbock aus dem Hut zu zaubern, die "Zwischenchefs":

Schuld ist häufig der direkte Vorgesetzte, der nach unten tritt und nach oben buckelt. Ein Chef, der seine Mitarbeiter nicht motivieren kann, von Teamgeist nichts versteht, andere Meinungen nicht hören will und einer guten Leistung Lob und Anerkennung versagt, ist selber ein Versager und sollte sich nicht Führungskraft nennen. Leider schaffen es Chefs nur allzu oft, die Lust, etwas geleistet, geschafft und geschaffen zu haben, in Frust zu verwandeln, weil sie das Betriebsklima auf Minusgrade drücken.

Im Großen und Ganzen bleibt es also dabei: die Zahlen stimmen, der brave Peter hat sie alle richtig abgeschrieben - freilich ohne auch nur das geringste bisschen über das, was er da abschreibt, nachzudenken - folglich trifft es auch weiterhin zu, dass zwei Drittel aller Deutschen faule Säcke sind, da beißt die Maus keinen Faden ab, und deshalb nimmt Peter Hahne diese Unterstellung natürlich auch nicht zurück, aber - immerhin - sie sind daran nun nicht mehr selbst schuld.

Herr Hahne, ich gratulieren Ihnen!


Fragt man sich, was das ganze eigentlich soll, dann bleibt eigentlich nur eine Antwort: das blöde Volk soll sich gefälligst nicht unschuldig fühlen (dürfen) an der gegenwärtig sich entfaltenden Wirtschaftskrise.

3 Kommentare:

klaus baum 25. Januar 2009 um 13:03  

wie ich der genauigkeit deiner argumentation entnehme, bist du wieder fit.

Kurt aka Roger Beathacker 25. Januar 2009 um 18:22  

Ja es geht wieder. Die guten Wuensche scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Vielen Dank nochmal!

;-)

chriwi,  26. Januar 2009 um 07:33  

Krank=Faulpelz

eine hervorragende Beschreibung. Heißt also, dass wir am besten alle Ärzte schließen. Das würde das schmarotzende Rentnerpack auch gleich noch früher sterben lassen und die faulen Arbeitnehmer haben endlich keine ausrede mehr. Am besten den Kommentar gleich wieder löschen, sonst werden die Ideen noch aufgegriffen.

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