Freitag, 6. Februar 2009

Sinn-Sprüche


epikur griff kürzlich ein Thema auf, das auch mich schon eine Weile beschäftigt: die Verdrehung bzw. Vortäuschung vermeintlicher Tatsachen und Fakten mit Hilfe sprachlicher Konstruktionen. Im Folgenden dazu einige Beispiele aus der Feder Hans-Werner Sinns.



Verdrehte oder fingierte Kausalverhältnisse:

Die Kombination aus hoch stehender Ingenieurkunst und niedrigen Löhnen machte Westdeutschland schon früh zu einem unschlagbaren Wettbewerber auf den Weltmärkten, einem Globalisierungsgewinnler der ersten Stunde.
Hans-Werner Sinn. Ist Deutschland noch zu retten? Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2005. S.19.

Diese "Kombination aus hoch stehender Ingenieurkunst und niedrigen Löhnen" gab es ohne Zweifel auch im Nachkriegsostdeutschland. Einen Marshallplan aber gab es dort z.B. nicht. Bei Hans-Werner Sinn kommt der freilich auch in der westdeutschen (Nachkriegs-)Geschichte nicht vor. Irgendwie scheint er wohl doch nicht so besonders wichtig gewesen zu sein ... ?!?

Vermutlich gibt es kein Element des deutschen Sozialsystems, das in einem solch hohem Maße für die deutsche Massenarbeitslosigkeit verantwortlich gemacht werden kann wie die Sozialhilfe. Am stärksten betroffen sind davon die gering Qualifizierten, denn der Lohn zu dem sie ein Arbeitgeber gerade noch profitabel einstellen könnte, liegt sehr häufig unter dem Anspruchsniveau, das von der Sozialhilfe aufgebaut wird. Sie sind die Opfer des Sozialstaats.
Hans-Werner Sinn. Ist Deutschland noch zu retten? Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2005. S.198.

Die Sozialhilfe wird also nicht etwa infolge von Arbeitslosigkeit gewährt, sondern sie verursacht diese Arbeitslosigkeit erst. Da muss man erstmal drauf kommen!

"Naturalisierungen".

Als "natürlich" werden für gewöhnlich Tatbestände angesehen, die ohne menschliche Einwirkung "von selbst" zustande kommen. Im schlechten Sinne findet sich so niemand, den man für sie verantwortlich machen könnte; im guten Sinne sind sie eine Art Geschenk oder Gnade, denn das (reine) "Naturprodukt" ist uns ohne unser Zutun gegeben.
Ohne die Sozialhilfe würde der Markt für eine wohlstrukturierte Lohnskala sorgen, die das Angebot an und die Nachfrage nach Arbeitskräften in allen Segmenten des Arbeitsmarkt angleicht. Durch die Sozialhilfe wird auch diese natürliche Lohnskala von unten her zusammengestaucht.
Hans-Werner Sinn. Ist Deutschland noch zu retten? Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2005. S.199.

Die Rede von einer "natürlichen Lohnskala" ist natürlich barer Un-Sinn. Löhne kommen eben ausschließlich infolge menschlicher Aktivitäten und nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt zustande und nicht etwa "von Natur aus".

Unbewiesene Behauptungen

"er übersieht, dass Vermögen stets durch Ersparnis, also durch Konsumverzicht entsteht und diese Ersparnis aus bereits versteuertem Einkommen stammt."
Hans-Werner Sinn. Ist Deutschland noch zu retten? Ullstein Buchverlage GmbH. Berlin 2005. S. 351.

Demnach wäre z.B. der (erfolgreiche) Bankraub nur eine besondere Form der "Ersparnis". Dass diese These obendrein mit der Forderung nach verstärktem Konsum zwecks Ankurbelung der Binnenkonjunktur - die ja angekurbelt werden soll, um Vermögen zu erhalten - in krassem Widerspruch steht, und welche Implikationen (der Arme ist letztlich nur da, um den Reichen durch fortwährendes Verkonsumieren seiner Einkünfte reicher zu machen) sich daraus ergeben, spielt da schon fast keine Rolle mehr.

5 Kommentare:

chriwi,  6. Februar 2009 um 08:02  

Einige seiner Aussagen treffen zu, wenn man einen idealen Markt mit idealen Teilnehmern hätte, der unendlich wachsen kann. Dabei müssen alle Zusammenhänge noch linear sein und in Zahlen fassbar.

Genau hier liegt das Problem von Herrn Sinn. Seine Lösungen mögen alle richtig sein, aber und das ist das Problem ein Modell ist falsch. So einfach ist das.

Wenn ich in der Physik ein Modell falsch aufbaue, dann fällt der Apfel nach oben und das ist dann auch die richtige Lösung, obwohl jeder sagen würde das ist unSinn.

Anonym,  7. Februar 2009 um 14:11  

Nun ja, die Kombination von hochstehender Ingenieurskunst und niedrigen Löhnen gab es ohne Zweifel auch im Nachkriegswestdeutschland, soviel mir erinnerlich ist.
Lohnmäßig unterschieden sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit Ost und West nicht voneinander, nur dass man im Osten Arbeit bekam, im Westen nur sehr selten, dort herrschte Massenarbeitslosigkeit.
Ich frag mich, was dieser Hieb gegen den Osten soll.

Kurt aka Roger Beathacker 7. Februar 2009 um 16:30  

Welcher "Hieb gegen den Osten" denn?

Noch einmal ganz langsam zum Mitschreiben: Sinn fuehrt die wirtschaftliche Prosperitaet Westdeutschlands in der Nachkriegszeit auf die beiden Faktoren "hoch stehende Ingenieurskunst" und "niedrige Loehne" zurueck. Beides war aber zweifellos auch in Ostdeutschland vorhanden. Also kann der wirtschaftliche Erfolg der BRD nicht (allein) aus diesen Faktoren erklaert werden. Dass aber z.B. die BRD Wirtschaftshilfen erhielt, wo die DDR noch mit Reparationen belastet wurde, blendet er aus. Darum geht es.

Anonym,  7. Februar 2009 um 18:50  

Hr. Unsinn behauptet, Vermögen enstände durch "Ersparnis". Das ist blanker Unsinn (hier schließt sich der Kreis).

Tatsächlich beginnt die Erlangung von (nennenswertem) Vermögen erst auf einem Einkommensniveau, das (mindestens) das untere Quartil der Bevölkerung nie erreichen kann! Wenn jemand ein Einkommen hat, das im Bereich des Existenzminimums liegt und er davon sich tatsächlich via Konsumverzicht etwas wortwörtlich vom Munde abspart, wird er damit, wenn es hoch kommt, seinen Nachkommen die Beerdigungskosten erträglicher machen, "Vermögen" im umgangssprachlichen Sinne wird er so nie erlangen!

Diejenigen, die tatsächliche nennenswerte Vermögen erlangen, müssen nicht "verzichten". Hr. Unsinn versteht vermutlich unter Verzicht das Nicht-Konsumieren von noch mehr Luxus (z. B. nur ein Ferrari und ein S-Klasse-Mercedes, auch wenn man sich locker je 5 leisten könnte).

Wären die Vermögen tatsächlich nur (auch solche o.a.) "Ersparnisse", die unter dem Kopfkissen liegen, könnte ich mich dazu entschließen zuzustimmen, dass es sich um bereits versteuertes Einkommen handele (wenn man von den Steuer-Schlupflöchern eben gerade der Vermögen-Habenden absieht...). Nun kommt aber der Zins hinzu, der erst das Entstehen von Vermögen - auch das "Vermögen" der Ärmsten - ermöglicht.

Der Zins entsteht aber nicht aus dem Nichts, sondern wird - (auch) von anderen - erarbeitet. Geld "erzeugt" kein Geld, es "erlangt" durch den Zins Geld - das anderen für ihre (reale) Wertschöpfung vorenthalten wird (werden muss)!

Omnibus56

klaus baum 7. Februar 2009 um 19:42  

Deutschland ist möglicherweise noch zu retten, Prof. Sinn auf jeden Fall nicht mehr. Er gehört unwiderruflich zu den "lost souls".

www.flickr.com


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