Sonntag, 8. Februar 2009

Hartz IV: alte Zynismen und brandneue leckere Rezepte

Bei Sandra Maischberger war am 3. Februar nicht nur eine offenbar gefakte Hartz IV Familie zu Gast, sondern auch Heinrich Alt, seines Zeichens Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit und dortselbst für die ALG2 Bezieher zuständig. Außerdem gibt es neues (jetzt noch billiger!) aus dem Hartz-Kochstudio. Doch zunächst zu Herrn Alt:
Das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit hält die größte und umstrittenste Arbeitsmarktreform in Deutschland für einen Erfolg. Heinrich Alt, der für die 6,8 Millionen Hartz-IV-Empfänger zuständig ist, lehnt höhere Regelsätze ab: "351 € reichen nicht dauerhaft zum Leben. Aber das soll auch kein Mensch. Die Menschen sollen mit uns einen Weg zurück ins Arbeitsleben finden. Das soll der Anreiz sein und ist es auch für fast alle", sagt der Arbeitsmarktexperte.


Der besondere, kaum versteckt in dieser Aussage liegende Zynismus ist schlicht und einfach, dass die Job-Center nach Kräften bemüht sind, so viele ihrer Klienten wie nur irgend möglich schleunigst "aus der Bedürftigkeit zu befreien". Diese "Befreiung" gilt als gelungen, wenn der "Befreite" eine Tätigkeit aufnimmt, die ihm gerade soviel einbringt, dass das Job-Center ihn los ist. Kurz: wenn sein Einkommen (netto), dem Regelsatz plus Mietzuschuss entspricht. Dazu passt dann auch, dass die überwiegende Anzahl derjenigen Arbeitsangebote, die dem Bedürftigen von seiten der Job-Center offeriert werden, Verdienste in Höhe von etwa 900 bis maximal 1.300 Euro (brutto) in Aussicht stellen.

Selbstverständlich reichen solche Einkommen ebensowenig "dauerhaft zum Leben", wie die Hartz IV Regelsätze, aber immerhin garantieren sie ein - wenngleich nach wie vor unzureichendes - Leben "in Würde".
Arbeit adelt!

Um festzustellen, dass man trotz der mickrigen Regelsätze als ALG2 Empfänger (noch) nicht vom unmittelbaren Hungertod bedroht ist, bedarf es eigentlich keines besonderen (gar wissenschaftlichen) Beweises. Die Leute kommen mehrheitlich irgendwie - wenn auch mehr schlecht als recht - mit ihren "Zuwendungen" über die Runden: (Ver-)"Hungern muss hier keiner!" Dennoch fühlen sich junge "Wissenschaftler" offenbar immer wieder herausgefordert, den Nachweis zu erbringen, dass man mit den gegenwärtig geltenden Sätzen nicht nur ausreichend, sondern sogar recht gut bedient ist. Den Vorreiter machte vor gut einem Jahr (noch außerwissenschaftlich) der Berliner Finanzsenator und "Sparfuchs" Thilo Sarrazin, Mitte des Jahres legte dann die TU-Chemnitz mit einer aufsehenerregenden "Studie" nach und kaum ist ein weiteres halbes Jahr ins Land gegangen, da liegt auch schon die nächste "wissenschaftliche Untersuchung" vor.

Hamburger Studenten der Ernährungswissenschaften an der HAW Hamburg eiferten dem kühlen Rechner Sarrazin nach. Im Rahmen einer Semesterarbeit entwickelten sie ein Hartz-IV-Menü, das Sarrazins Sparküche sogar noch unterbietet. In der "Hamburger Morgenpost" stellten die Studenten der Bergedorfer Hochschule für angewandte Wissenschaften ihre Rezepte vor. Studentin Annalena Bull (24) erklärt: "Am Anfang glaubten wir, drei Euro am Tag würde niemals langen." Sarrazins Speiseplan nannten sie eigenwillig und wollten es besser machen. Am Ende stand fest: Es ist sogar möglich, sich für 2,51 Euro gesund und lecker zu ernähren.
[...]
Die Studenten raten Einkäufe eine Woche im Voraus zu planen, um Zutaten kombinieren zu können. Das fehlte an Sarrazins Rezepten. Er ging davon aus, dass man größere Mengen Lebensmittel beim Discounter einkauft - so dass es eben mehrere Tage hintereinander Bratwurst mit Sauerkraut gibt. Die Studenten: "Lieber weniger Fleisch, aber dafür bessere Qualität. Bei Obst und Gemüse lohnt der Weg zum Wochenmarkt, dort sollte man auf Produkte der Saison achten."
Quelle: B.Z.

In welchen Gaumenfreuden man bereits für lumpige 2,51 Euro schwelgen kann, wenn man sich nur die Mühe macht jede wache Stunde mit dem eifrigen Studium einschlägiger Angebote und dem abklappern der jeweils billigsten Anbieter zu verbringen, wird dem Leser selbstverständlich nicht vorenthalten:

Zutaten für ein Frühstück (47 Cent): Haferflocken mit Joghurt, Apfel und Nüssen: 70 Gramm Haferflocken, 160 Gramm Apfel, 100 Gramm Joghurt natur, 25 Gram Sirup, 35 Gramm Nüsse.

Das Rezept: Den gewaschenen Apfel über eine Reibe raspeln, sofort mit dem Joghurt vermengen. Die Haferflocken untermischen. Mit dem Sirup süßen, die Nüsse dazugeben (2747 kJ).

Zutaten für ein Mittagessen (69 Cent): Steckrübeneintopf mit Kichererbsen und Seelachs:

150 Gramm Steckrübe, 150 Gramm Mohrrübe, 30 Gramm Zwiebel, 150 Gramm Knollensellerie, 12 Gramm Butter, 70 Gramm getrocknete Kichererbsen, 250 ml Gemüsebrühe, 40 Gramm Seelachs.

Das Rezept: Die am Tag zuvor eingeweichten Kichererbsen abspülen und in kaltem Wasser angesetzt zum Kochen bringen. Die Zwiebeln pellen und blättrig schneiden, das geputzte Gemüse würfeln. Mit den Zwiebeln beginnend die Gemüse in Butter anziehen, mit der Gemüsebrühe auffüllen und gar köcheln lassen. Mit den fertig gegarten Kichererbsen ergänzen und den in Stücke geschnittenen Seelachs einlegen. Kurz abgedeckt ziehen lassen, dabei nicht mehr kochen. Die Petersilie waschen, trocknen und geschnitten über den Eintopf streuen (1395 kJ).

Zutaten für ein Abendbrot (57 Cent): Asia-Pasta mit Brokkoli und Sprossen:

50 Gramm Pasta, 150 Gramm Brokkoli, 15 Gramm Zwiebel, 30 Gramm Sprossen, 20 Gramm Zitronensaft, 20 Gramm Sojasauce, 15 Gramm Essig, 5 Gramm Sesamöl, 10 Gramm Rapsöl, 15 Gramm Zucker, 100 Gramm Apfel.

Das Rezept: Den Brokkoli zu Röschen geputzt in kochendem Salzwasser garen und anschließend in Eiswasser kühlen. Aus Zitronensaft, gepellter und geschnittener Zwiebel, gewaschenem, geriebenem Apfel, Sojasauce, Essig, Zucker, Sesam- und Rapsöl ein Dressing zubereiten und über die gekochte Pasta geben. Alles miteinander vermengen, zuletzt die Sprossen dazu geben, kurz ziehen lassen (1958 kJ).

Pech hat natürlich wer z.B. - wie ein junger Mann aus meinem Bekanntenkreis - an Laktose-Intoleranz leidet und obendrein weder säurehaltige Lebensmittel (Apfel) noch Nüsse verträgt. Der wird dann wohl zum Frühstück mit einer weiteren halben Steckrübe vorlieb nehmen müssen.

Ich bin mir ziemlich sicher: der Tiefstpunkt ist noch lange nicht erreicht: vielleicht holt man ja demnächst eine Expertise vom Survival-Experten Rüdiger Nehberg ein? Oder man scheibt einfach die Tricks ab, die Nehberg in anderen Zusammenhängen bereits verraten hat:

"In der Not kommt ein Mensch drei Wochen ohne Nahrung aus", weiß Nehberg. "Nach den ersten zwei Tagen spürt man den Hunger nicht mehr." Voraussetzung ist allerdings, dass es nicht zu kalt ist. "Die meisten Kalorien braucht der Körper zum Warmbleiben."
[...]
"Gebraten schmeckt eine Maus ganz gut, aber es ist nicht viel dran", weiß er. "Viel klüger ist es, sich in der Natur an den Tieren zu orientieren. Was Maus, Spatz und Amsel essen, das verträgt auch der Mensch."

Also ran an die Regenwürmer: Nach diesem Sommer gibt es viele. "Gut sind vor allem Heuschrecken: Roh erinnern sie an Haselnüsse: knackig, fettig, süßlich. Nahrhaft sind auch Insekten und Gewürm", fährt Rüdiger Nehberg fort, "sie sind das Steak des kleinen Mannes, schmecken aber nur, wenn man sie brät."

Man sieht: da gibt es noch eine ganze Menge Einsparpotential. Man muss es nur zu nutzen wissen. Ehe aber jemand tatsächlich darauf verfällt, uns einen knallharten Hartz IV Survival Speiseplan zu entwerfen, wollen wir noch einmal den Worten des ungekrönten Königs der Hartz-IV-Meisterköche lauschen. Thilo Sarrazin bei "klipp und klar":



Nachtrag (0.9.02.2009 ca. 18:35h)

Wie man der Hamburger Morgenpost entnehmen kann, haben die Studenten es immerhin geschafft innerhalb eines Semesters "[d]rei Hauptgerichte plus zwei Zwischenmahlzeiten" zu "kreieren". Wahrlich ein Bombenerfolg. Und so wundert es dann auch wenig, dass in der MoPO vom 07.02. zu lesen ist::

Klar ist aber: Bull selbst würde den großen Aufwand nicht lange durchhalten. "So günstig und gut zu leben, schafft nur, wer viel Zeit hat und Lust auf Experimente in der Küche." Für Männer gilt: Von den Spar-Menüs wird nicht jeder satt. Mit rund 2000 Kalorien sind sie aus-gelegt für eine 40 Jahre alte und 1,70 Meter große Frau.

Den Kommilitonen haben die Gerichte geschmeckt. Ihrer Dozentin auch: Für die Semesterarbeit gab's eine glatte Eins. (HMP 06.02.2009)


Dass dieses Projekt mit einer "glatten Eins" benotet wurde, hat übrigens nichts mit dem doch eher zweifelhaften Ergebnis oder gar der Köstlichkeit der Speisen zu tun. Bei solchen Erstsemester-Projekten darf man gemeinhin getrost den größten Unsinn verzapfen, solange man dabei nur methodisch einwandfrei vorgeht. Die Note gab es also (hoffentlich) nur für die Form, nicht für den Inhalt.

6 Kommentare:

klaus baum 8. Februar 2009 um 23:54  

Ich wollte bei Dir gerade ein wenig Ironie ablassen: Herr Hahne mahnt die Blogger, kein Wochenende zu machen, sondern durchzuarbeiten. Nun sehe ich, dass diese Ermahung Dir gegenüber nicht nötig ist.
Gut übrigens, dass Du das Studenten-Experiment aufgreifst. Ich wette, die jungen Leute haben die Fahrtkosten nicht mit einberechnet, die man benötigt, um das günstigste Angebot zu finden. Bei uns in Dithmarschen auf dem Land kostete der Kohlkopf nur 1 DM. Damals. Aber durch das Paket-Porto, das erforderlich war, um ihn nach Hamburg zu schicken, hat den Preisvorteil wieder aufgehoben.
Übrigens hat das Minimalisieren in HH Tradition. In der Grundklasse an der Kunsthochschule hatten wir 1968 die Aufgabe, eine tragende Konstruktion für einen Ziegelstein zu bauen: Wer das wenigste Material verbrauchte, hatte gewonnen.

Kennst Du die Stelle aus Dickens Oliver Twist, die ich auf meiner Seite zitiert habe: Ein Philosoph des Utilitarismus experimentiert mit der Ernährung eines Pferdes, in dem er ihm täglich immer weniger gibt. Am Ende sollte das Pferd nur von Luft leben können, aber kurz vor dem Ziel ist es an Unterernährung gestorben.
Im übrigen sind die Empfehlungen meines Ernährungsberaters teurer als mein Essen.

somlu 9. Februar 2009 um 09:25  

Leider habe ich keinerlei Belege dafür aber mir ist zu Ohren gekommen, dass in Teilen der Politik ernsthaft darüber nachgedacht wird, den Regelsatz zu kürzen, da es ja die Tafeln gibt. Denn man sucht Einsparpotentiale (örgs), um die horrenden Schulden zur Stabilisierung unsere Wirtschaftssystems irgendwie wieder rein zu bekommen.

Seit es in der Diskussion über die Schulenaufnahme um die Refinanzierung geht, befürchte ich sowas ja schon eine Weile.

Anonym,  9. Februar 2009 um 12:22  

Moin!

Neues von Herrn Alt:
Herr Alt meint,die Regelsätze für Jugendliche sein zu hoch,im Vergleich zu Azubi-Vergütungen.Das darf so nicht weitergehen,da es die Motivation der Azubis untergrabe...

Näheres hier:
http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/0344e19bad073001.php

Nun das wird sicher nicht der letzte Streich,oder besser Hieb,gewesen sein.

Grüße
Hagnum

klaus baum 9. Februar 2009 um 15:07  

auf den link von hagnum bezüglich des herrn alt wollte ich dich auch gerade hinweisen, sehe aber, er steht schon da.
soweit ich es richtig erinnere, hat heinrich himmler alt gesagt, hartz IV reiche nicht zum leben. also reicht hartz IV auch für jugendliche so schon nicht zum leben, aber man müsse es noch mehr kürzen, weil es zuviele unbesetzte lehrstellen gäbe.

Anonym,  9. Februar 2009 um 16:55  

Was lecker und was nicht lecker ist, wird weder ein Sarrazin noch irgendwelche Studenten in irgendwelchen Selbstversuchen irgendeinem Hartz IV-Betroffenen vorschreiben können.

Wenn jemand nicht auf Müsli steht, sondern morgens lieber Brot, Marmelade oder Wurst darauf isst, dann ist es eben so! Wer keine H-Milch mag und auf teurere Vollmilch zurückgreift, dann ist das auch so.

So könnte man beliebig das Ganze fortsetzten!

Jemandem Erwachsenen, so weit es noch möglich ist, selbstbestimmten Menschen, vorzuschreiben wie und womit er sich zu ernähren hat, beweist, Hartz IV ist unter aller Würde eines Menschen, der versucht, noch einigermaßen würdevoll, trotz Hartz IV, durchs Leben zu gehen!

Hartz IV muss weg! Soviel Diskussionen um eine soziale Absicherung hat es wohl noch nie in Deutschland gegeben.

Mitreden können da erst die, die die schlechte Umsetzung durch die Verwaltungen - ARGEn und JobCenter - am eigenen Leib gespürt haben. Wer Strom zahlen muss und eventuell Darlehen an die ARGE zurückführen muss, wer dazu vielleicht in einer Wohnung lebt, die über, durch die Behörden teils unangemessen niedrig angesetzten Angemessenheitskreterien liegt und schon sanktioniert wurde, obwohl er sich redlich um Arbeit bemühte, der kann ein Lied davon singen, dass Hartz IV eben nicht zum Leben reicht, schon gar nicht in Würde insbesondere wenn er 20 oder mehr Jahre schon in ein marodes System eingezahlt hat!

Darum ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Petition dazu ist um eine Woche verlängert und nicht abschrecken lassen von einem zu lahmen Server des Bundestages. Die Politikern wollen nämlich nicht, dass zu viele Petitionen eingereicht werden, schon gar nicht , dass die Anhörungsgrenze von 50.000 Mitzeichnern erreicht wird!

Anonym,  9. Februar 2009 um 17:36  

Moin,again!

Nachtrag zu Herrn Alt.
Wie ist es eigentlich mit den ganzen Studis?
Die müssen immerhin für ihre Ausbildung-Gebühren,aber nicht nur-zahlen,um was lernen zu können/dürfen/müssen.

Was ist,wenn die erfahren,daß es da Hartz4-Nasen gibt,die ohne Gegenleistung,also für umme,einfach so wohnen und atmen dürfen?

Oder war die Speisekarte schon die akademische Rache?

Grüße Hagnum

www.flickr.com


Twingly BlogRank Blog Button blog-o-rama.de Bloggeramt.de Blog Top Liste - by TopBlogs.de blogoscoop Blogverzeichnis Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de RSS Newsfeeds Verzeichnis RSS-Scout - suchen und finden BlogPingR.de - Blog Ping-Dienst, Blogmonitor Directory of Politics Blogs frisch gebloggt Blogkatalog Bloggernetz - der deutschsprachige Pingdienst RSS Verzeichnis Blogverzeichnis Listiger Bloganzeiger Politics Blogs - Blog Top Sites Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits Verzeichnis für Blogs
Diese Seite ist dabei: Spamfrei suchen...

  © Blogger template Newspaper III by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP