Mittwoch, 25. Februar 2009

Unterschlagung des Tages

Die Supermarkt-Kassiererin Barbara E. soll angeblich - was ihr freilich nicht nachzuweisen war - während ihrer Tätigkeit in den Diensten der Firma "Kaiser's" zwei Pfandbons im Wert von insgesamt 1,30 Euro unterschlagen und für sich eingelöst haben. Ihr Arbeitgeber hatte ihr auf diesen Verdacht hin nach immerhin einunddreißigjähriger Betriebszugehörigkeit fristlos gekündigt. Frau E. ist seither arbeitslos und lebt gegenwärtig von ALG2. Ihre Klage gegen die Entlassung wurde gestern erneut abgelehnt und die Kündigung nun bereits in zweiter Instanz vom Berliner Landesarbeitsgericht für rechtmäßig erklärt.

Ausgerechnet Franz Josef Wagner stimmt darob in der BILD einmal mehr das Hohelied der unbedingten Ehrlichkeit an und äußert sich heute zum Fall der Barbara E. wie folgt:

Kaiser’s hat Sie entlassen. In zweiter Instanz haben die Richter gestern Kaiser’s recht gegeben. Und ich gebe den Richtern auch recht.

Worum es geht, ist die Besitzbewahrung. Die Bons gehörten der Kassiererin nicht. Egal, wie die Bons in ihre Finger gerieten, sie waren nicht ihr Eigentum.
[...]
Was ich denke, ist: Man darf nicht im Kleinen und im Großen bescheißen.

Man darf nicht bescheißen!

Das sollten Sie sich mal selbst zu Herzen nehmen, werter Herr Wagner. Sie schreiben: "Egal, wie die Bons in ihre Finger gerieten," und dabei ist nicht einmal erwiesen, dass Frau E. diese Bons überhaupt jemals in den Fingern gehalten hat.

Ich weiß - man wird Sie für diese Unterschlagung nicht vor Gericht stellen und so bleibt mir nur - entgegen meiner eigentlichen Überzeugung - zu hoffen, dass der Gott, an den Sie ja zu glauben vorgeben, mit Ihnen einst ebenso ungnädig verfahren wird, wie die Firma Kaiser's und die Gerichte mit Frau E., und dass ER Sie für allein für diesen Beschiss ausgiebig wird in der Hölle schmoren lassen.

Mit heftigen Flüchen

Roger Beathacker

Nachtrag (25.02.2009, ca. 12:25h)
Hier noch einen Hinweis auf einen lesenswerten Artikel von Heribert Prantl zu diesem und anderen Fällen in der Süddeutschen Zeitung vom 25.02.2009.

Prantls Fazit:
Die Strafmaßunterschiede bei U-Bahn-Schwarzfahrern einerseits und bei Steuerhinterziehung oder Korruption andererseits sind krass: Massenfälle hier, Sonderfälle dort. Strafrecht gilt deshalb in besseren Kreisen immer noch als Spezialrechtsgebiet gegen das Prekariat und den unteren Mittelstand.

Das Recht ist auch für die Schwachen da. Das ist ein selbstverständlicher Satz. Aber das Selbstverständliche ist leider nicht selbstverständlich.


Hier noch ein Hinweis auf einen weiteren lesenswerten Artikel, in dem auch die Hintergründe des Falles ausfürlich darstellt werden.

10 Kommentare:

chriwi,  25. Februar 2009 um 07:43  

Und selbst wenn es erwiesen wäre zeigt es mal wieder wie krank unsere Gesellschaft ist. Da kommt einer klaut uns allen zig Millionen Euro an Steuern und kommt mit einem Bußgled davon. Du nimmst dir angeblich 1.50Euro und wirst entlassen und kriegst Hartz 4. Wieviel mal ist Privateigentum da eigentlich mehr Wert als Volkseigentum? Ich kann mich außerdem nicht erinnern das über die Zumwinkels dieser Welt ein solcher Artikel in der schlechtesten Was auch immer Deutschlands gestanden hätte. Da wurde sich über die ungerechte mediale Behandlung lamentiert.

Carsten,  25. Februar 2009 um 08:01  

Was ist eine unehrliche Verkäuferin wert? Wenn zudem noch genug andere Leute warten, die einen Job suchen...ich finde es hart, aber nachvollziehbar. Da liefern auch polemische Vergleiche mit den milliardenschweren Betrügereien der Großkopferten keinerlei Rechtfertigung.

Kurt aka Roger Beathacker 25. Februar 2009 um 11:04  

Wenn ein "gestoertes Vertauesverhaeltnis, zumal aufgrund eines blossen Verdachts, hinreichender Grund fuer eine fristlose Kuendigung ist, dann muesste man in etlichen Betrieben der kompletten Geschaeftsfuehrung umgehend den Stuhl vor die Tuer stellen. Ein paar Beispiele: Lidl, Deutsche Bahn, Telekom ...

Gerade Lidl hat das Gerede vom "absoluten Vertrauensverhaeltnis", das zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gewaehrleistet sein muesse, durch die seine "Ueberwachungsmassnahmen" ad absurdum gefuehrt. Diese Arbeitsverhaeltnisse beruhen samt und sonders auf gruendlichem - aber unausgesprochenen - Misstrauen. Von Vertrauen schwafeln ist gut - Kontrolle ist sicher.

epikur 25. Februar 2009 um 12:37  

Wer weiß, womöglich war Barbara E. dem Unternehmen einfach lästig!? Hat sich im Betriebsrat engagiert oder sonstwie aufbegehrt. Da sind solche nicht-nachweisbaren Verdächtigungen als Instrumentalisierung zur fristlosen Kündigung häufig sehr beliebt.

@Carsten

Der Vergleich von milliardenschweren Betrügereien mit einer Kassiererin, die angeblich ein paar Euro unterschlagen haben soll, ist nicht "polemisch", sondern eine Tatsache. Was wiegt gesellschaftlich gesehen wohl schwerer?

Im übrigen, kann ich das Wort "Polemik" als Kampfbegriff gegen unerwünschte Meinungen langsam nicht mehr hören.

Kurt aka Roger Beathacker 25. Februar 2009 um 13:20  

"Hat sich im Betriebsrat engagiert oder sonstwie aufbegehrt."

In der Tat, das gehoert zum Hintergrund der Geschichte.

klaus baum 25. Februar 2009 um 20:00  

Welche Strafe steht eigentlich auf Unterschlagung der Wahrheit? Was ist, wenn eine Regierung das Volk, das diese Regierung gewählt hat, ständig belügt bzw. ständig den Eid auf die Verfassung verletzt, den Eid, der da lautet: Dem Wohle des Volkes zu dienen und nicht nur dem Wohle der Reichen?

flatter 26. Februar 2009 um 10:56  

Die Geschichte ist ja schon widerlich genug, aber was den moralinfalschen Kommentar dieses Hanswurst angeht, damit würde ich nicht einmal meinen Eimer beschmutzen wollen. Das ist ja auch der Grund, warum ich das Hetzblatt in meinem Blog nicht einmal erwähne: Man kommt sonst nicht umhin, ins Vulgäre abzuschweifen.

Diplomandin 26. Februar 2009 um 12:39  

Hat eigentlich irgend jemand schon mal was von einem Urteil wegen 'unwiderbringlichen Vertrauensverlustes' gegen einen der Bankmanager gehört?

Franziska 1. März 2009 um 12:27  

Es ist echt der Wahnsinn, was da in den ganzen Discountern wie Lidl und ja anscheinend auch normalen Supermärkten abgeht. Da dreht sich eine Spirale ganz gehörig schnell nach unten und das betrifft nciht nur die Preise sondern glaube ich jeden Aspekt des Handels. Die Mitarbeiter, Manager, Zulieferer, Hersteller, die Entwicklungen werfen auf niemanden ein gutes Licht oder benachteiligen an allen Ecken und Enden. Auch die Kunden können so ja nciht uneingeschränkt profitieren. Am Ende kommt alles auf alle zurück!

Rob 2. März 2009 um 11:45  

und hier noch die Stellungnahme der Tengelmann AG:

klick

"auch und insbesondere der Umstand, dass Frau Emme sich wiederholt in Widersprüche verwickelt und mehrfach nachweislich die Unwahrheit vorgetragen hat, führte aus unserer Sicht zu dem heute verkündeten Urteil."
Kommentieren brauche ich das wohl nicht mehr...

geradezu bezeichnend ist auch folgende Werbung von Kaiser's:

Pfandbons

"Ihre Pfandbons helfen uns zu helfen" - grauenhaft.

www.flickr.com


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