Montag, 22. Dezember 2008

Das Comeback des Peter Hartz

Die Süddeutsche Zeitung entblödet sich leider nicht, dem großen Reformator Peter Hartz heute ein Forum in eigener Sache zu bieten. Schon der Titel seine "Artikels" lässt ahnen, dass der Mann nach wie vor nichts verstanden hat:

Auswege aus der Massenarbeitslosigkeit

Chance für Hunderttausende

Langzeit-Arbeitslose müssen aus dem Wartestand heraus: wie man ihre Talente entdecken und fördern kann.


Da weiß man doch gleich, wohin die Reise geht:

Das Problem sind nicht Wirtschaft, "Arbeitsmarkt", Strukturen und überholte Vorstellungen von einer "Vollerwerbsgesellschaft", sondern (wie immer) die Arbeitslosen selbst: die warten statt zu starten und kennen ihre "Talente" nicht, weshalb andere - und zwar echte "Experten" diese entdecken und zu Tage fördern müssen. Auf Deutsch: die Arbeitslosen kriegen ihren Arsch alleine nicht hoch. Das ist das ganze Problem.

O-Ton Hartz:

Wobei man nicht übersehen darf, dass schon jetzt eine gesellschaftliche Gruppe schlechter geschützt ist als andere: die mehr als zwei Millionen Langzeitarbeitslosen, diejenigen also, die Arbeitslosengeld II beziehen. Sie sind vielfältig beeinträchtigt - sozial und materiell. Hinzu kommen Gesundheitsrisiken. Das alles begünstigt Resignation, Passivität und Isolation.


Weil ich überzeugt bin, dass dieses Problem in weiten Bereichen lösbar ist, hat die gemeinnützige saarländische Stiftung SHS Foundation zusammen mit einer Gruppe von Wissenschaftlern, Fachleuten und mir in dreijähriger Arbeit ein innovatives Konzept entwickelt. Wir nennen es in Anlehnung an das französische Wort für Unternehmer: Minipreneure.


[...]


Erstmals unterzieht es die komplexe Problematik einer interdisziplinären Betrachtung. Es stellt den arbeitslosen Menschen, das Individuum, in den Mittelpunkt. Für das Konzept wurde ein biopsychosozialer Ansatz gewählt, der sich dem Problem umfassend nähert: Er betrachtet die biomedizinische Seite der Aufgabe, berücksichtigt die psychologischen Aspekte und hat die wirtschaftlichen Dimensionen ebenso im Blick wie die gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung


Kein Wort davon, dass es eben eine solche "Gruppe von Wissenschaftlern, Fachleuten und mir" gewesen ist, die den Arbeitslosen um die man sich hier mal wieder zu sorgen vorgibt, die Suppe, die sie jetzt (solang der Regelsatz es zulässt) auslöffeln darf, erst eingebrockt hat. Und was das Bahnbrechende neue Konzept angeht: wer jemals das zweifelhafte Glück hatte an einer "Fördermaßnahme" für Langzeitarbeitslose teilnehmen zu "dürfen", dem werden jetzt noch die Ohren klingeln vom sozialtechnologischen Worthülsen a la "Motivations- und Stressforschung, Coaching, empowerment, Profiling, Talent-Diagnose, individuelle Ressourcen, Beschäftigungsradar, Exchange Learning, Exchange Helping, networking, Social Franchising" usw. usf

viele Menschen sind nämlich auch deshalb so lange arbeitslos, weil sie von Anfang an in den für sie falschen Beruf geschickt wurden.
Und deshalb muss nun Peter Hartz kommen und sie in den für sie seiner Ansicht nach richtigen schicken - oder was? Das ist so verlogen wie nur was. Der "richtige Beruf" das wird dann bei näherer Betrachtung immer gerade der sein, für den gerade wieder ein paar Deppen gebraucht werden: "Sie sind doch kommunikativ, da wäre die Arbeit in einem Callcenter doch genau das richtige für Sie!" - "Gehen Sie mal fuer eine Weile in eine Leiharbeitsfirma, da werden sie vielseitig verwend .. ähm eingesetzt und können all die verborgenen Talente entdecken, die in ihnen stecken." Am Ende kommt die Katze aus dem Sack, der "minipreneur" das ist schlicht und einfach die wiederbelebte "Ich-AG" mit Netzwerkanschluss:

Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Leistungen des Konzepts gebündelt werden, dass es eine Vernetzung gibt unter den Argen, (den Arbeitsgemeinschaften aus Arbeitsagenturen und Kommunen) sowie den Kommunen, die Langzeitarbeitslose in Alleinregie betreuen. Dies sichert auch einen gleichbleibend hohen Qualitätsstandard sowie eine unbefristete, lokale Betreuung aller Minipreneure.


Und wichtig: Deren finanzielle Situation wird durch die Teilnahme an dem Programm nicht verschlechtert - sondern im Gegenteil verbessert. Nach dem Gesetz haben Langzeitarbeitslose, die sich selbständig machen, Anspruch auf Einstiegsgeld, und dies zwei Jahre lang. Dieses Einstiegsgeld wird aber bisher von jeder Arge unterschiedlich hoch und unterschiedlich lange bewilligt - dies sollte für die Teilnehmer an dem Minipreneure-Programm geändert werden.


Lieber Peter Hartz,

wie wäre es, wenn Sie (endlich) mal darüber nachdächten, dass es nicht länger damit getan sein kann, Menschen den Anforderungen eines fragwürdigen Wirtschaftskonzepts entsprechend umzukrempeln und "kompatibel" zu machen, kurz: sie den Verhältnissen zu unterwerfen, und ob es nicht vielmehr an der Zeit wäre, statt der Menschen endlich die Verhältnisse umzukrempeln.

"Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist."
Karl Marx. Zur Kritik Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung


6 Kommentare:

Andreas Bemeleit 22. Dezember 2008 um 12:37  

Die Stiftung entpuppt sich als eine Hartz-hilft-Hartz-Stiftung. Vorstand des Vereins ist Michael Hartz - und der ist der Sohn von Peter Hartz.

Kurt aka Roger Beathacker 22. Dezember 2008 um 13:10  

Na das passt ja wieder mal.

Und wenn ich das Gesuelze auf der Seite, wie z.B.

"In einer TALENT- UND EIGNUNGSDIAGNOSE werden die individuellen beruflichen Stärken einer Person mit psychologischen Methoden (Berufsprofiling®) erhoben und für ein Matching zu Berufen bzw. Beschäftigungsmöglichkeiten nutzbar gemacht."

lese, frage ich mich, warum man als Arbeitsloser nicht gleich Krankengeld statt ALG2 bekommt.

:-(

Benson,  22. Dezember 2008 um 17:37  

Das ließt sich wie Bullshit-Bingo.
Kreativierungswoche, Gesundheitscoaching, TALENT- UND EIGNUNGSDIAGNOSE, Berufsprofiling®, Matching, BESCHÄFTIGUNGS-RADAR, Pilotierung, SOCIAL FRANCHISING zur Multiplikation des Modells.

Das soll wohl alles super innovativ daherkommen, ist aber wohl nur biedere Hausmannskost.

klaus baum 22. Dezember 2008 um 18:39  

adorno hat mal über die positivistisch denkenden jungphilosophen gesagt, sie würden mit ihrer philosophiefremdheit auftrumpfen. womit wir es heute zu tun haben, ist, daß die dünnbrettbohrer sich für die geistige elite halten. ihre terminologie verrät ihre dummheit.

Anonym,  23. Dezember 2008 um 03:40  

Warum geht der nicht einfach wieder in den Puff gehen, statt uns mit diesem aufgebrühten Dummfug zu nerven. Und die anderen Dünnbrettbohrer,die diesen Bullshit verzapft, kann er gleich mitnehmen. Böd nur das unsere Politiker sich von solchen Geschwätz beeindrucken lassen. Wetten, das irgendein FTP-Heinzi im Wahlkamf damit um die Ecke kommt.

Mechthild Mühlstein 23. Dezember 2008 um 11:18  

Im grunde stehe ich der resozialisierung verurteilter straftäter durchaus wohlwollend gegenüber. In diesem fall frage ich mich, ob die Süddeutsche sich nicht übernimmt, dieser fall ist hoffnungslos, schon allein weil es nichts gibt, was man resozialisieren könnte.

Fast könnte man darüber lachen: Die nach herrn Hartz benannten gesetze schließen millionen menschen von jeder lebensperspektive, kultur und bildung aus, die jüngeren von vorn herein - und herr H. spricht von »talente fördern und entdecken«. Man stelle sich das einmal bildlich vor: Da stehen nun, staatlich »gefördert« versteht sich, der tiefbauingeneur, der diplom-informatiker und der germanist gemeinsam und fußfrierend beim winterlichen bäumezählen in grünanlage. Man könnte meinen, man habe sie zu einer an sich überflüssigen arbeit zu kaum zumutbaren bedingungen gezwungen - aber nein: in wirklichkeit entdecken sie ihr talent! Nämlich das talent dafür, von der gesellschaft in der kälte stehen gelassen zu werden.

Herr H. sollte auch endlich sein talent entdecken - fürs flurfeudeln im jobcenter (auf 1€basis, versteht sich).

www.flickr.com


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