Freitag, 30. Mai 2008

Auf, auf zum froehlichen Jagen ..

"Im brasilianischen Urwald ist ein Indianerstamm entdeckt worden, der noch nie zuvor Kontakt zur Außenwelt hatte. Den Behörden gelangen sensationelle Bilder: Wütende Krieger, bemalt mit roter Farbe, schießen Pfeile auf ein Flugzeug ab."
Quelle (SPON)

Gerade war ich noch am ueberlegen, was ich wohl zu dieser Meldung bei SPON und anderswo schreiben koennte, da entdeckte ich, dass auf law blog schon ein Beitrag dazu existiert. Okay, dann kommentiere ich eben den. Hier wie dort.

Auf law blog wird unter der Ueberschrift

"Wollen sie “Wilde” sein?

die Frage gestellt,
ob es richtig ist, diese Menschen von oben herab von der Zivilisation auszuschließen. Ist es zum Beispiel in Ordnung, wenn in solchen Dörfern Kinder an Krankheiten sterben, die jeder Arzt mit einem Medikamentenkoffer problemlos retten könnte? Wer sagt denn, dass die Stammesangehörigen auch vor der Zivilisation geschützt werden wollen? Ihr Dorf sieht jedenfalls nicht so aus, als wäre der Alltag paradiesisch.

Natürlich ist es möglich, dass die Menschen vom Kontakt mit der Außenwelt überfordert sind. Aber rechtfertigt das, die Indianer in einem Ethnik-Zoo zu halten? Zumal der Kulturschock ja in absehbarer Zeit ohnehin eintreten wird. Journalisten und Abenteurer werden sicher nicht zögern und sich auf die Suche nach den jetzt zur Schau gestellten Stämmen machen."

Fuer mich stellt sich die Frage anders: welches Recht haetten wir, diese Menschen “von oben herab” in die Zivilisation einzuschliessen? Schon, dass wir uns die Frage stellen und uns mithin anmassen, darueber befinden zu duerfen, was fuer diese Menschen das “Bessere” sein koennte, zeigt unseren Mangel an Respekt. Im Laufe der europaeischen Geschichte haben "wir" schon genug “Wilde” zu Tode gerettet, damit sollte langsam Schluss sein. Das wird natuerlich - ich weiss es - ein frommer Wunsch bleiben. Vermutlich sind schon die ersten (der letzten) “Entdecker” dabei, ihre Survivalpacks zu schnueren und irgendwelche Ethnologiedoktoranden versuchen eben denen - in bester Absicht, versteht sich - noch zuvorzukommen. Vielleicht bietet sich hier ja die letzte Gelegenheit, sich mit dem zweifelhaften Ruhm eines interethnischen Erstkontaktes zu bekleckern. Das wird sich mancher Ehrgeizling nicht entgehen lassen wollen. Und die Frage, was die "Wilden" (was m.E. eine vollkommen unzutreffende und beleidigende Bezeichnung ist; diese Menschen sind keinen Wilden, wir machen sie dazu) selbst wollen, eruebrigt sich in dem Moment, in dem "wir" sie ihnen stellen. - Genau dann werden sie eben gar nicht mehr waehlen koennen, denn "wir" werden tat-saechlich (ueber sie) entschieden haben. Das Beste waere gewesen, die Hubschrauberbesatzung haette auf die Photographiererei verzichtet und auch ansonsten die Schnauze gehalten. Dem war nicht so, mithin: Die Jagdsaison ist eroeffnet.

Halali und Waidmanns Heil.


3 Kommentare:

Roberto J. De Lapuente 31. Mai 2008 um 09:06  

Bezeichnend auch ein Bilduntertitel in der Bildergalerie von SPON. Da heißt es: "Kayapó: Vor 50 Jahren erst war dieses brasilianische Indianervolk von den Weißen entdeckt worden, mittlerweile sind die Kayapó in der Zivilisation sesshaft geworden. Sie gelten als integriert."
Und man rechnet sich aus, dass es wohl "brave Wilde" seien, denn sie haben schnell erkannt, was ihnen durch uns ermöglicht wird.

Wenn nun Zeitgenossen beginnen, darüber zu sinnieren, ob es nicht grobe Unterlassung wäre, wenn wir diese Menschen - für die wir übrigens auch wild und roh erscheinen - von der Medizin und Technik ausschließen, dann bestätigt das eine eurozentristische Weltsicht. Der Begriff wirkt fehl am Platze, denn es ist nicht nur Europa, welches zum Maßstab erkoren wurde. Aber es ist die westliche Weltsicht, die sich in allen Industrieländern mehr oder weniger dem Anglo-Kapitalismus unterworfen hat, in dem die gleichen Werte und Unwerte vertreten werden.

Diese Sicht aus der eigenen Welt heraus ist teilweise erschreckend. Durch Robert B. Marks' Buch "Die Ursprünge der modernen Welt" wird einem dies schlagartig bewußt. Und bezeichnend: Vorgestern wollte ich in der städtischen Bücherei einen historischen Altas wälzen, weil ich die sieben chinesischen Reiche lokalisieren wollte, die später durch as Reich Qin vereint wurde. Ich wußte, dass es einen ausführlichen historischen Weltatlas gab, in dem Weltkarten vorhanden sind - so wie es der Titel impliziert -, fand ihn nicht und entschied mich stattdessen für "Meyers großen historischen Weltatlas". Und was bot der? Nur Europa! Andere Kontinente wurden erst interessant, als Europa dort Kolonien hatte. Wir nennen Welt, was unsere Welt ist und glauben auch daher, Europa hatte immer eine Vorreiterrolle inne.

Als man hierzulande grobe Stoffe trug und schlechten Stahl schmiedete, blühten im Nahen und Mittleren Osten Gemeinwesen von Güte auf; in China und Indien lebten die Bauern lange besser als in unseren Gefilden. Das ist alles vergessen. Marks bringt es auf dem Punkt, wenn er sagt: Viele Europäer, z.B. die Briten, lebten lange auf Kohle und wußte nichts damit anzufangen. Der Zufall auf solchen ungeahnten und lange wertlos erscheinenden Rohstoffen zu leben, hat aus Europa eine Wirtschaftsgröße gemacht, die es vorher nie war. Heute aber nähren Irrtümer unser Sendungsbewußtsein. Die westliche Welt/Europa sei dazu bestimmt, die Welt genesen zu lassen. Daher stellen wir uns solche dämlichen Fragen, bezeichnen Menschen aus dem Urwald als Wilde und lächeln sie mitleidig an.

Es war sicher nicht das europäische Wesen, dass die Welt genesen ließ. Egoismus und Penetranz haben die Welt eher erkranken lassen. Gepflastert war dieser Prozess mit Heeren von Toten. Und der "neu entdeckte Indianerstamm", der ja nur von UNS neu entdeckt wurde - so wie wir von der Entdeckung Amerikas sprechen und eigentlich eine Wiederentdeckung meinen -, könnte schon bald ein kleiner, unscheinbarer Pflasterstein mehr sein, der diesen Weg ziert. Ob sie glücklich sein werden, wenn man ihnen ihr Dorf plattwalzt, sie in Häuser steckt, sie vielleicht gar noch zu "nützlicher" Arbeit trimmt? Sind wir es denn in dieser Gesellschaft? Ich sehe mich in diesem System und ich kann nur Mitleid mit denen empfinden, die man integrieren will... da wäre lieber wild...

alexander,  31. Mai 2008 um 10:32  

Zu den ersten Besuchern werden bestimmt auch wieder irgendwelche Pfaffen gehören, die sich dazu berufen fühlen, Seelen zu "retten" und damit einhergehend die indianische Kultur ausmerzen werden. Wir dürfen gespannt sein, ob die These des amtierenden Papstes zutrifft und diese Indianer die Ankunft der modernen Konquistadoren samt ihrer Religion ebenso herbeisehnen wie angeblich ihre Landsleute einige Jahrhunderte zuvor. Die Aufnahmen sprechen eher dagegen. Ich wünsche sicherlich niemandem den Tod, doch der Stamm täte gut daran, den Herren einen ähnlich begeisterten Empfang wie dem Flugkörper über ihren Köpfen zu bereiten. So ein Giftpfeil soll ja bei derart aufdringlichem Verhalten Wunder bewirken und den Adressaten zu einer postwendenden Heimreise bewegen können.

Zur medizinischen Versorgung dieser Menschen mache ich mir nur wenig Sorgen. Wer so lang im relativen Einklang mit der Natur gelebt hat, wird über entsprechend natürliche Arzneien verfügen, die uns völlig unbekannt sind und die Bedürfnisse der dortigen Kranken weitgehend abdecken werden. Einen kränklichen Eindruck machen sie jedenfalls nicht. Man sollte seine humanitäre Aufmerksamkeit vielleicht eher den Elendsgebieten der Welt schenken, welche die Segnungen der westlichen Zivilisation bereits empfangen mussten.

Roger Beathacker 1. Juni 2008 um 18:45  

@Alexander,

Wozu noch Pfaffen?

Die verbreiteteste Religion der Gegenwart heisst Kapitalismus, ihre Kirche ist der "freie Markt" und ihr Gott das Geld.

Sie kommt ohne Pfaffen oder andere eindeutig als religioes identifizierbare Merkmale aus, erscheint oberflaechlich betrachtet als vollkommen zwanglos und ist vermutlich genau deshalb verbreiteter und tiefer verankert als irgendeine andere Religion vor oder neben ihr.

Wie sang ein gewisser Mueller-Westernhagen doch gleich?

"Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar."

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