Wasser marsch!
Ob BILD, WELT, SpOn, FTD um nur ein paar Beispiele zu nennen, keine Zeitung und kein Nachrichtenportal, das gestern nicht an zumeist vorgehobener Stelle die Meldung gebracht hätte, dass das Wasser "einer Studie zufolge" nirgends so teuer sei wie hierzulande, wobei - wenn überhaupt - nur am Rande erwähnt wird, dass sich der ganze Preisvergleich offenbar ausschließlich auf die Tarife für gewerbliche Abnehmer bezieht, also keinerlei Aussagekraft hinsichtlich der Kosten die private Verbraucher in den einzelnen Ländern zu tragen haben besitzt.Für gewerbliche Kunden mit einer jährlichen Abnahmemenge von 10.000 Kubikmeter Wasser koste der Kubikmeter derzeit in Deutschland 1,91 Euro netto. Belgien biete die gleiche Menge für 1,85 Euro, Frankreich für 1,27 Euro und die USA sogar für nur 47 Eurocent.
Quelle (direktbroker.de)
Wer denn diese Studie in wessen Auftrag erstellt hat und in welcher Form sie durchgeführt wurde, darüber erfährt der Leser in aller Regel ebenfalls nur wenig bis gar nichts. Wozu auch - wichtig ist ja nur dass er endlich mitkriegt, warum das Wasser so verdammt teuer ist: es liegt an der fehlenden (privaten) Konkurrenz, denn die Wasserbetriebe sind hierzulande zumeist (noch) in kommunaler Hand und die Gemeinden verlangen "überhöhte" Preise um mit den erwirtschafteten Überschüssen andere mehr oder weniger luxuriöse Projekte zu subventionieren.
Kurz: der Leser soll offenbar zu dem Schluss kommen, dass er sein Wasser viel billiger bekommen könnte, wenn denn die Wasserversorgung in privater Hand und einem "echten Wettbewerb" ausgesetzt wäre. Eine Strategie die durchaus erfolgreich zu sein scheint, denn
"so eine Privatisierung muss eben nicht bedeuten, dass ein paar “Heuschrecken” oder böse räuberische Kapitalisten kommen und tun, was immer Sozialisten von ihnen erwarten mögen. In meinem Ort gibts ne Genossenschaft, in der jeder drin ist, der Wasser haben will. Das kommt einer städtischen Versorgung zwar relativ nahe, ist aber, da wir ja gleichzeitig zu einer Stadt mit einem eigenen Versorger gehören, doch noch ein bisshen was Anderes.
Wahlfreiheit und Wettbewerb wären natürlich trotzdem besser."
Filterblog
Wer wissen möchte, was er von einer (teil-)privatisierten Wasserversorgung wirklich erwarten darf, der nehme sich Berlin als Beispiel. Dort sind "[i]m Zuge der Teilprivatisierung der BWB [...] seit 2004 jährliche Preiserhöhungen vorgenommen worden - bislang [Stand: 21.11.2007] um insgesamt 30 Prozent" und sollen weiter erhöht werden.
„Berliner Wassertisch“ fordert Rekommunalisierung der Wasserbetriebe

Nebenbei bemerkt ...
... zeigt die Art und Weise wie sich die Presse mit diesem Thema "auseinandersetzt" mal wieder, dass "seriöser Journalismus" sich offenbar zunehmend damit bescheidet, irgendwelche - von wem auch immer verteilten - Pressemitteilungen unreflektiert weiterzuverbreiten. Und wo der seriöse Journalist solche Meldungen doch einmal durch "Eigenleistungen" anreichert, kommt dann solcher Nonsens raus wie z.B. bei Manfred Fischer in der Welt, wo man im Header des Artikels liest:
Nirgendwo kostet Wasser mehr als in Deutschland. Die Deutschen [!] zahlen fünfmal so viel wie die Amerikaner. Beim Trinkwasser gibt es keinen freien Wettbewerb, der Staat setzt die Preise fest, der Lieferant kann nicht frei gewählt werden.
Was zeigt, dass man den Kram, den man tagtäglich in die (der) Welt hinausposaunt, offensichtlich schon gar nicht mehr ins eigene Bewusstsein dringen lässt, heißt es doch an anderer Stelle des selben Artikels in einem der Studie offenbar entnommenen Zitat ganz richtig:
„Da die Wasserpreise von den Gemeinden festgelegt werden, dienen die hohen Preise zur Subventionierung örtlicher Projekte, die sonst mit Steuergeldern bezahlt werden müssten“, stellen die NUS-Berater fest."
Immerhin erfährt man in der FTD, die offensichtlich als einzige der genannten Postillen noch in der Lage ist, mehr zu leisten als einfach irgendwelche Pressemitteilungen weiterzuleiten, dazu noch:
Dass die deutschen Wasserpreise höher seien, hänge auch damit zusammen, dass Wasser in vielen anderen Ländern staatlich subventioniert wird.
Ach!
Nachtrag: 19.08 2008. 11:55 Uhr
Mit Erlaubnis der NDS-Redaktion möchte ich diesen Artikel um einen sehr treffenden Kommentar, den ich heute auf den Nachdenkseiten fand, ergänzen:
Der Artikel zeigt m.E. in eklatanter Weise, wie gezielt Meinung gegen die öffentlich-rechtlich organisierte Wasserversorgung in Deutschland gemacht werden soll. In dem Artikel finden Sie einen eher willkürlich anmutenden Referenzpreis für den Vergleich mit anderen Ländern (gewerbliche Wasserkunden mit einer Abnahmemenge von 10 000 Kubikmeter Wasser pro Jahr), wohl deshalb, weil er sich am besten zur Stützung der “These” der “Meldung” eignet. Ein Durchschnittspreis, ggf. noch regional differenziert, wäre inhaltlich angemessener gewesen, aber dann hätte es ja die Botschaft der Autoren “verwässert”.
Zudem fehlen jegliche Verweise auf Beispiele in anderen Ländern (z.B. GB, Südafrika), welche die negativen Konsequenzen von Wasserprivatisierungen für die Menschen aufzeigen. Von einer Verbesserung zugunsten der Allgemeinheit durch Privatisierung kann doch keine Rede sein (s. z.B. auch hier ). Außerdem fehlen jegliche Vergleiche zur Qualität des Wassers, bspw. zwischen Deutschland (mit höchsten Standards ohne Chemiezusatz) und bspw. den erwähnten U.S.A. Noch ein Wort zu den quersubventionierten örtlichen Projekten: Ich denke mal, dass der Mehrheit der BürgerInnen eine Subventionierung örtlicher Projekte über den Wasserpreis zum Wohle des Gemeinwesens mit einer Wertschöpfung vor Ort lieber ist als ein entsprechender Shareholder Value für die Kapitaleigner auf Kosten der Allgemeinheit. (P.F.)
Quelle: Nachdenkseiten, Hinweise des Tages vom 19.08.2008
Weitere Informationen zum Thema:
Wasser in Bürgerhand,
Lug und Trug statt Wahrheit und Klarheit,
Berliner Wassertisch

















