Freitag, 13. November 2009

Noch ein paar Worte zum Fall Enke

Im Gegensatz zu dem einen oder anderen - im Übrigen sehr geschätzten Kollegen - bin ich durchaus der Ansicht, dass die medial über uns ausgekübelte Trauer und Betroffenheit vieler Menschen angesichts des Freitods von Robert Enke durchaus nicht bloß gespielt oder vorgetäuscht ist.

Nein, ganz im Gegenteil: diejenigen die da - zu großen Teilen anscheinend grundlos - ihrer Trauer öffentlich Ausdruck verleihen, sind tatsächlich bis ins Mark getroffen. Es ist freilich mehrheitlich nicht der Tod des Menschen Robert Enke, der sie so sehr erschüttert, sondern der "Fall" Robert Enke, auch wenn es aus der Binnenperspektive der Trauernden doch "nur" der Mensch Enke sein mag, um den es ihnen geht.

Der Grad der Erschütterung ist m. E. nicht einfach bedingt durch den Tod eines relativ bekannten Sportlers (würde Mario Basler sich morgen totsaufen, die Erschütterung wäre vermutlich nicht halb so groß), sondern dadurch, dass sich hier jemand das Leben genommen hat, mit dem sich jeder "leistungswillige" Durschnittsbürger vortrefflich identifizieren konnte. Enke galt als bodenständig, fair, zielstrebig, aber nicht übertrieben ehrgeizig und schon gar nicht als vorlaut, sondern bei allem Erfolg eher als zurückhaltend und bescheiden. Sein "Kompetenzprofil" würde jeden Vermittlungscoach zum Jauchzen bringen. Und das ist der Punkt: ein Mann der alles hat, was man selbst gern hätte und der so zu sein scheint und auftritt, wie man selbst gern gesehen werden möchte; ein Mann der - nachdem er manchen Rückschlag weggesteckt hat - in "gesicherten Verhältnissen" lebt, dieser Mann führt der bürgerlichen Welt abrupt vor Augen, was diese Art von "gesicherten Verhältnissen" wirklich wert ist: Nichts.

Das ist niederschmetternd, und das war m. E. den Betroffenen (bzw. betroffen sich zeigenden) echt anzumerken.

8 Kommentare:

Roberto J. De Lapuente 13. November 2009 um 08:15  

Kurt, mein im Übrigen sehr geschätzter Kollege, ich weiß nicht, inwiefern ich Dir zustimmen kann. Deine These ist einerseits gar nicht von der Hand zu weisen. Andererseits aber...

Dieser ganze Zinnober, mediales Spektakel beim Tod einer prominenten Person, hat wohl seinen Ursprung in einem Pariser Tunnel. Was beim Tode Dianas geboten wurde, war wahrscheinlich eine Kleinigkeit zu dem, was wir nun ertragen müssen, wenn es wieder einmal so weit ist. Was war mit der Betroffenheit, als Diana starb? Sie war niemand aus ihrer Mitte, sie war adlig, auch schon vor der Heirat mit Charlie, lebte trotz allem entrückt, auch wenn der heutige Kult erzählt, Diana habe ein Lieschen Müller-Dasein gepflegt.

Was ist mit der Trauer um Jackson?

Alle Trauernden wirkten immer ernsthaft. Auch dann, wenn der Verstorbene nicht aus der Mitte der kollektiven Trauergemeinde stammte.

Leider zieht diese Trauerunkultur auch dann ein, wenn wieder einmal ein Kind zu Tode kam. Für viele scheint es dann politisch korrekt und opportun zu sein, diesselben Trauergebaren an den Tag zu legen. Kerzchen, Briefe, enthemmte Zurschaustellung der Emotionen. Dann läuft ein Kamerateam auf, stellt Fragen und aus der Jammergestalt wird ein Rächer. Der Täter gehört für immer eingesperrt, manche meinen gar, man müßte "soeinen" hinrichten. Wenn so der Hass aus Menschen spricht, dann ist es mit der Aufrichtigkeit der Trauer nicht weit her. Trauer läßt für andere Dinge keinen Raum.

Natürlich kann man auch betroffen sein, wenn jemand stirbt, den man persönlich kaum oder gar nicht kannte. Man sollte im stillen Kämmerlein beten, heißt es im erfolgreichsten Bestseller aller Zeiten, es sei nicht fromm, seinen Glauben zur Schau zu stellen. Das gilt letztlich auch für die Trauer. Wenn sie zur Schau gestellt wird, dann verliert sie ihr vielleicht gutes Motiv. Sie wird zur Selbstdarstellung.

Kurt aka Roger Beathacker 13. November 2009 um 10:32  

Lieber Roberto,
ich danke Dir fuer Deinen Kommentar und moechte ihn zum Anlass nehmen, mich noch etwas weitschweifiger zu erklaeren.

Sehr wahrscheinlich trifft auch mein oben dargelegter Gedanke nur einen Aspekt der Wahrheit - im Falle Enkes scheint mir dieser Aspekt aber ein wesentlicher zu sein. Ich hatte gerade ins heute Journal gezappt, landete mitten in der Meldung, wusste gar nicht worum es gerade ging, sah aber eine Frau Slomka die offensichtlich komplett von der Rolle war. Ein Eindruck, den ich spaeter auch bei etlichen anderen "Betroffenen" hatte.

Natuerlich gibt es immer auch Trittbrettfahrer und natuerlich geht es hier und da immer auch um die Auflage (oder die Klickrate). Es ist aber schon etwas anderes, ob eine von der Regenbogenpresse seit je mythisch ueberhoehte britische (Schein-)Heilige unfreiwillig ums Leben kommt oder ein eher unauffaelliger und in summa eher maessig beachteter Fussballer sich selbst den Tod gibt. Und Michael Jackson galt ohnehin als Exzentriker, der ganz offensichtlich einen an der Klatsche hatte und bei dem man darum mit allem rechnen durfte. Es sei hier aber auch an den Unternehmer Merkle erinnert, der Anfang des Jahres seinem Leben auf die gleiche Weise ein Ende bereitete, wie nun Robert Enke.

Natuerlich schlug auch dieses Ereignis Wellen, aber insgesamt schienen mir eher Aussenstehende doch deutlich weniger betroffen zu sein. Welchen Grund haetten sie auch gehabt? Merkle war fuer die meisten ein Mensch aus einer anderen Welt. Ausserdem hatte er Scheisse gebaut und damit einen handfesten und leicht auffindbaten "Grund" fuer die "Konsequenzen", die er zog. Bemitleidet hat ihn wohl kaum jemand - eher im Gegenteil: war es denn nicht ein Zeichen von Feigheit, sich so "feige" aus der Verantwortung zu stehlen?

Bei Enke liegen die Dinge anders. Enke hat in "ausgezeichnet" unauffaelliger Weise den mustergueltigen Buerger und Sportsmann verkoerpert; guter Job, solides Einkommen, Reihenhaus, kleine Familie, soziales Engagement, trotz seiner Erfolge als Typ kein unerreichbares Idol, sondern eher "einer wie Du und ich". Vor allem aber erschien er als jemand, der doch (im Gegensatz zu Merkle) "eigentlich gar keinen Grund hatte, so etwas zu tun".

Diese relative Durchschnittlichkeit Enkes ist es m.E. gerade, die ein Uebermass an (wirklicher) Betroffenheit und ausloest. Das Pikante daran: in der Konsequenz handelt der "good guy" Enke eigentlich als boeser Bube, waehrend der Spitzbube Merkle eine Art "Wiedergutmachung leistet, im Bemuehen seine verloren gegangene "buergerliche Ehre" zu retten. Merkles "Konsequenzen" schienen nachvollziehbar, er hatte alles verspielt, war bankrott, hatte seine "buergerliche Ehre" durch seine offensichtliche Masslosigkeit verspielt. Bei Enke ist es gerade andersherum: alles schien "in trockenen Tuechern", sein Lebenswandel grundsolide "und dann sowas". Einer, der eigentlich ein "gutes" Leben - ein Leben, wie etliche andere - fuehrte und dieses vorbildliche Leben, schliesslich durch eine "boese" (nicht vorbildliche) Tat beendete.

Dieser Akt ist derartig skandaloes, dass er schlussendlich unter einem Uebermass an spektakulaeren Inszenierungen begraben werden muss. Verweigerte man "Selbstmordern" frueher ein "christliches Begraebnis, so haelt hier die Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Margot Käßmann, hoechstselbst die Predigt bei der Trauerfeier. DAs sagt doch schon sehr viel, wenn nicht alles.

Und natuerlich hebt jetzt eine fieberhafte "Ursachenforschung" an, die vor allem ein Ziel hat: die "Ursachen" ("Gruende" kann es ja eigentlich nicht gegeben haben) als externe Ursachen zu identifizieren, als Ursachen, die in besonderen singulaeren Umstaenden oder in der besonderen Person gesucht werden muessen, auf keinen Fall aber im ganz alltaeglichen Wahnsinn dieser Gesellschaft aufgefunden werden duerfen.

Roberto J. De Lapuente 13. November 2009 um 10:43  

Und damit schließt sich doch der Kreis, Kurt. Du behauptest ja quasi nichts anderes wie: Die Betroffenen betrauern nicht Enke, sie betrauern ihren Lebensentwurf, der nicht sicher ist, der nichtig ist, der letztlich auch nicht glücklicher macht. Enke ist damit nur die Person, auf die das Selbstmitleid dieser Klasse projiziert wird. Es geht um das Selbst, um das kollektive Selbst einer Klasse, die in Erwerb und Egoismus (Eigeninitiative) das Glück vermutet und nun bitter enttäuscht wurde. Das Selbst ist also Programm, die Selbstsucht, damit wird das Betrauern zur Selbstdarstellung.

Damit schließt sich der Kreis unserer beiden Thesen. Wir liegen damit nahe beieinander.

Kurt aka Roger Beathacker 13. November 2009 um 10:59  

Ich habe ja auch gar keinen totalen Gegensatz behauptet, sonder lediglich die Perspektive etwas "weiten" wollen.

"Du behauptest ja quasi nichts anderes wie: Die Betroffenen betrauern nicht Enke, sie betrauern ihren Lebensentwurf, der nicht sicher ist, der nichtig ist, der letztlich auch nicht glücklicher macht."

Richtig. Das habe ich aber bereits in der Einleitung des Artikels getan (der "Fall Enke"). Und das Entscheidende: die Trauer nicht gespielt, sie ist so echt wie sie nur sein kann, sie taeuscht sich dabei freilich ueber ihren "Gegenstand" und macht ihn unter der Hand zum Werkzeug ungebrochen fortgesetzter Selbsttaeuschung.

Roberto J. De Lapuente 13. November 2009 um 11:59  

Gut, aber was letztlich echt ist, das wollen wir an dieser Stelle nicht erläutern. Man kann auch ganz echt ganz verlogen sein. Das will ich nicht jeden unterstellen, aber letztlich entstehen in solchen Situationen Touristenheere, die ganz echt sind, aber auch ganz unerträglich und echt unecht.

epikur 13. November 2009 um 13:36  

Beide Thesen von euch erweitern den Blickwinkel der uns gerade tagtäglich geboten wird und sind insofern "richtig" ;-)

Ich frage mich: wie "echt" kann eine Trauer wirklich sein, die dem medialen Agenda Setting folgt und in ein paar Tagen/Wochen längst vergessen ist?

Kurt aka Roger Beathacker 13. November 2009 um 15:15  

Jede Trauer ist eines Tages - nicht unbedingt vergessen, aber ueberwunden.

Ich muss mich aber trotzdem noch korrigieren: "Erschuetterung", "Schock" oder eben "Betroffenheit" sind wohl die (vorwiegend) treffenderen Begriffe. Das macht aber auch nicht den Riesenunterschied, was die "Bewegtheit"insgesamt angeht, die ja offensichtlich gegeben ist.

mo 13. November 2009 um 18:53  

@kurt aka roger b.

ich sehe das mit der öffentlichen trauer in gewisser hinsicht ähnlich, möchte aber auch nochmals unterstreichen, dass ich den "wiedererkennungseffekt" speziell wg. des themas depressionen nicht unterschätzen würde.

ähnliches dürfte imo damals bei diana spencer (essstörungen, eventuell borderline-ps) sowie michael jackson auch eine rolle gespielt haben - öffentliche repräsentanInnen von be- und geschädigten menschen. enke ist im moment seines todes zu einem solchen geworden.

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