Sonntag, 17. August 2008

Geld oder leben?

"Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie Anfangen ihre Lebensmittel selbst zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst."
Karl Marx, Friedrich Engels. Die Deutsche Ideologie. MEW3. S.21

Die produktive menschliche Tätigkeit überhaupt (erst später spezifiziert als "Arbeit") dient zunächst der Reproduktion (des Menschen selbst) und sodann der Sicherung der Produktionsbedingungen, d.h. der Herstellung einer gewissen Unabhängigkeit von den Zufälligkeiten des Naturgeschehens. Arbeit ist so zunächst nur die Produktion für die Reproduktion; erweiterte Reproduktion.

Unter bereits entwickelten Verhältnissen ("Moderne"?) scheint diese Beziehung in ihr Gegenteil umzuschlagen und die Arbeit dient nunmehr vornehmlich der Reproduktion der Produktion, reproduziert sich selbst unter Verwendung der Menschen als Produktionsmittel. Es geht nicht darum, dass der Mensch Arbeit hat, sondern darum, dass der Apparat ausgelastet ist. Investitionen müssen sich bezahlt machen, Menschen muss man bezahlen; das macht den arbeitenden Menschen zunehmend zu einer eher unangenehmen Begleiterscheinung des Produktionskreislaufs. Der Apparat läuft nur noch, um weiterzulaufen?

Unter "ursprünglichen" Bedingungen kommt bereits die (Selbst-)Erhaltung (je-)des einzelnen Menschen einem wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Art gleich. Die Ressourcen sind knapp (weil nur mühsam zu erschließen), die Population ist aber ebenfalls gering. Unter entwickelteren Verhältnissen nimmt mit wachsender Bevölkerungszahl die Bedeutung des Einzelnen für die Erhaltung der Art ab, ja - eine zu große Anzahl Einzelner kann sogar als Bedrohung der Art erscheinen (Stichwort: Bevölkerungsexplosion, Überbevölkerung), die aber zu einem guten Teil durch die fortgeschrittenen Möglichkeiten effektiverer Ressourcenausbeutung wieder abgeschwächt wird. Wenn der Zugang zu den notwendigen Ressourcen aber nicht allgemein gewährleistet ist, dann wird das individuelle Ringen ums Überleben zunehmend zu einem Kampf gegen die Artgenossen.

Es darf wohl angenommen werden, dass aufgrund dieser wechselnden Bedingungen Reproduktion und Produktion hinsichtlich des mit ihnen verbundenen Sozialprestiges die Rollen tauschen. Sind Kinder unter relativ "unterentwickelten" Verhältnissen ein wesentliches Moment des zu erwartenden sozialen Ansehens, so tritt dieses Moment unter entwickelten Verhältnissen zurück zugunsten der erfolgreichen Berufskarriere (als eines Zeichens der persönlichen Produktivität und damit der allgemeinen Nützlichkeit). Die Fortsetzung der (allgemeinen) Reproduktion, scheint nur unter der Bedingung der exaltierten Produktion noch als "angemessen". Auf die Spitze getrieben, wird die (je eigene) Reproduktion vollständig aufgegeben zugunsten "totaler" Produktivität. Man "muss" Arbeit haben und in dieser Arbeit erfolgreich sein. Das bedeutet im Allgemeinen: man muss ihr möglichst viel Zeit widmen. Irgendeiner x-beliebigen Erwerbsarbeit nachzugehen - und sei sie noch so unsinnig oder gar destruktiv - gilt von nun an als "anständiger", als sich einer sinnvollen oder (rein) sozialen Tätigkeit bloß zu widmen. Arbeit ist nunmehr zu leisten allein um der Arbeit willen und bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Das Paradox: je mehr der Gesellschaft die Erwerbsarbeit ausgeht, desto mehr verstärkt sich der oekonomisch/politische Druck einer solchen Arbeit nachgehen zu müssen, und ausgerechnet ein Arbeitsminister der SPD treibt diesen Druck auf die Spitze:

"Wer arbeitet, muss was zu essen haben, wer nicht arbeitet, braucht nichts essen."
Franz Müntefering, damals Bundesminister für Arbeit im Mai 2006.


Wer aber viel zu arbeiten genötigt ist kann in Kindern, Familie und anderen sozialen (also: unproduktiven) Verpflichtungen nur ein Hemmnis sehen, solange jedenfalls, wie er sich vom produktivitätshemmenden (nur) sozialen Zeitaufwand (z.B. durch "Tagesmutter", Erzieher/innen, KiTas, Ganztagsschulen, Internate etc.) nicht entlasten kann. Wenn solche "Entlastungen" umfassend gegeben wären, hieße das freilich nicht mehr, als dass die Transformation sozialer Beziehungen in marktförmige annähernd abgeschlossen wäre. Der Erzieher erzieht aus anderen Gründen, als es Eltern tun. Er geht der Erziehung als einer Erwerbsarbeit nach und seine "Erfolge" werden dementsprechend gemessen bzw. müssen messbar gemacht werden. Was erfolgreiche Berufsausübung auszeichnet, wird ihm vorgegeben von denen, die ihn bezahlen. Das sind im Ausnahmefall (auch) die Eltern der betreuten Kindern im Allgemeinen aber ein eher diffuses "öffentliche Interesse", hinter dem sich i.d.R. handfeste ökonomische Partikularinteressen verbergen.

Die innerfamiliären Verhältnisse sind vielleicht die letzten, die noch nicht radikal über den monetären Code des Marktes oder den versachlichenden Code der Bürokratie vermittelt sind, die letzten vielleicht, die von unmittelbarer Sozialität (die A-Sozialität immer mit einschließt) geprägt sind. Ein letztes Reservat, wenn man so will, rein "privater" empathischer Beziehungen, das dem Zugriff durch "fremde Mächte" (noch) weitgehend entzogen ist, weil deren Codes hier (noch) nicht funktionieren.

Das allmähliche Verschwinden der besonderen Form, in der sich diese letzten Reste genuin sozialer Verhältnisse vornehmlich bewahrt haben, der Kleinfamilie, das mancher gar begrüßen mag, ist dabei nicht so sehr das Problem. Die Frage ist eher, ob das sich sukzessiv bis in den letzten Winkel des sozialen Lebens ausbreitende System monetär codierter, versachlichter Beziehungen, das m. E. vor allem forciert wird, weil und wenn an möglichst jeder sozialen Interaktion (Arbeit ["Dienstleistung"]<->Geld) ein Profit für Dritte abfällt, auf Dauer eine tragfähige oder auch nur wünschenswerte Alternative abgeben kann, denn
"inzwischen verdienen die Millionen Menschen, die persönliche Zuwendung verkaufen, in zunehmendem Maße nicht mehr genug, um selbst die Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können, die sie anbieten."
Robert B. Reich. The Future of Success. Piper Verlag GmbH. München 2002. S. 290.


Von weiteren Problemen in diesem Kontext wird an anderer Stelle noch zu reden sein.

1 Kommentare:

Markus,  18. August 2008 um 12:35  

Ein vielschichter Beitrag, auf den man näher eingehen könnte. In aller Kürze nur soviel:

1. Das neoliberalistische Reformcredo "Sozial ist, was Arbeit schafft" erinnert an braunes Gedankengut mit "Arbeit macht frei".

2. Das pervertierte Gewürge in Wirtschaft und Politik zeigt überdeutlich, daß der Mensch nicht (mehr) das Maß der Dinge ist und "gutes Leben" auf Profitmacherei reduziert wird.

3. M.E. könnte ein Rekurs auf die Wirtschaftslehre von J.M.Keynes auch innerhalb der kapitalistischen Strukturen einiges an Abhilfe bringen.

www.flickr.com


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