Dienstag, 17. März 2009

Die Polizei, der Müll und Hartz IV


Auf den ersten Blick scheint die Meldung der sächsischen Polizei vom 1. März des Jahres, dass man hinter dem Kaufland in Hoyerswerda zwei Personen bei der Plünderung der Kaufland-eigenen Müllcontainer überrascht und wegen Diebstahls angezeigt habe, nahtlos an Fälle, wie den der fristlosen Kündigung einer Kassiererin, wegen zweier angeblich unterschlagener Pfandbons im Wert von 1,30 Euro oder den der Entlassung zweier Bäcker wegen der entschädigungslosen Verkostung firmeneigenen Brotaufstrichs anzuschließen.

Dennoch scheint mir der Kommentar "Da schwärzt irgend jemand Hungernde Menschen bei der Polizei an" - etwas voreilig und auch ein wenig phantasielos. Zu phantasievoll hingegen scheint mir, was bei gegen-hartz.de aus der Meldung des Polizeitickers gemacht wurde. Dort heißt es wörtlich:
Keine Gnade kennt die Polizei in Sachsen: Weil Hartz IV Betroffene aus den Müllcontainern abgelaufene Lebensmittel in ein Auto verstauten, um etwas Essbares zu haben, rügte die Polizei an und erteilte den sogenannten Tätern eine Anzeige wegen Diebstahl.
Diese Meldung wurde im Wortlaut prompt an anderer Stelle übernommen. Und auch manches engagierte blog ist schnell mit der Etikettierung "Hartz IV Betroffene" bei der Hand - Woher dieses "Wissen" um die sozialen Verhältnisse der Ertappten stammt, wird freilich nirgends deutlich. Der Meldung der Polizei-Sachsen, die offenbar die einzige Grundlage all dieser Artikel bildet, sind solche Details jedenfalls nicht zu entnehmen:
Hoyerswerda, Kaufland, hinterer Wareneingang
01.03.2009, 22:30 Uhr


Die Polizei erhielt telefonisch den Hinweis, dass sich mehrere Personen mit Taschenlampen am hinteren Wareneingang vom Kaufland zu schaffen machten.
Vor Ort stellten die Beamten eine 46-jährige Frau und einen 24-jährigen Mann fest, die aus Containern und Abfalltonnen des Kauflands Lebensmittel entnommen und in ihrem Pkw verstaut hatten. Dabei handelte es sich um Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum bereits abgelaufen war. Was folgt, ist eine Anzeige wegen Diebstahls.
Halten wir also fest:

Die Polizei wurde benachrichtigt, weil "sich mehrere Personen mit Taschenlampen am hinteren Wareneingang vom Kaufland zu schaffen machten" und nicht etwa, weil jemand "hungernde Menschen" bei der Polizei anzuschwärzen gedachte. Es dürfte auch durchaus fraglich sein, ob derjenige, der die Polizei rief, das Tun der "Angeschwärzten" überhaupt im Einzelnen verfolgen konnte.

Ueber die soziale oder existentielle Lage der Ertappten findet sich in der Polizeimeldung kein Wort. Angegeben sind lediglich deren Geschlecht und Alter sowie der Hinweis, dass sie offenbar im Besitz eines fahrtüchtigen PKW waren, ein Umstand der m. E. so gar nicht zum Bild der "Hungernden" passen möchte.

Nimmt man all dies zusammen und fragt sich, wer wohl ein besonderes Interesse an der Verwertung offenbar doch recht beträchtlicher Mengen abgelaufener Lebensmittel haben könnte, dann findet sich leicht eine ganze Reihe weiterer Kandidaten, z.B. Schweinezüchter, auf der Suche nach billigem Zusatzfutter oder "clevere" Gastwirte ("Der Gewinn liegt im Einkauf!") - womöglich sogar der Betreiber der örtlichen Polizeikantine - wer weiß?

Was die Eigentumsverhältnisse eines jeden Mülltonneninhaltes angeht, so gilt übrigens, dass der "Entsorger" solange Eigentümer des Mülls bleibt, bis dieser von der Tonne in das Müllfahrzeug gewandert ist - das gilt selbst für einen Beutel Katzenkacke .

6 Kommentare:

aebby 17. März 2009 um 18:49  

Merke: Selektive Wahrnehmung und interpretative, fantasiangereicherte Berichterstattung findet sich überall ... sie muss nur in den Kram passen.

Andreas Kemper 17. März 2009 um 23:01  

Stimmt schon.

Allerdings halte ich es für wahrscheinlich, dass einfach nur "containert" wurde. Das ist inzwischen in allen größeren und kleineren Städten üblich.
Man geht nachts zu den Containern der Supermärkte und nimmt sich die noch essbaren Dinge zum Eigenbedarf. Das machen in der Regel weder Leute, die hungern, noch Gastwirte, die sich bereichern wollen, sondern einfach Menschen, die wenig Geld haben.

Ist gesetzlich verboten, aber meiner Meinung nach nicht moralisch verwerflich.

Rob 18. März 2009 um 12:01  

meiner Meinung nach ist im Supermarkt einkaufen "moralisch verwerflicher" als zu containern. Zumindest wenn es sich bei den Supermärkten um Aldi, Lidel, Tengelmann und co. handelt.
Ich kenne einige Leute die weder hungern noch wenig Geld haben sondern einfach nicht verstehen, warum um eine Woche abgelaufener Honig weggeworfen wird.

Das die beiden allerdings gleich ein Auto benutzt haben finde ich doch merkwürdig - da müssen die ganz schön viel eingeladen haben damit sich der Aufwand lohnt.

Achso...ich persönlich containere übrigens nicht.

klaus baum 18. März 2009 um 21:01  

Den Parasiten keine Chance. Zwischen dem Hineinwerfen von Lebensmitteln in einen Container und dem Abholen des Mülls darf es keine Lücke geben. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, selbst wenn das Essen abgelaufen ist.

Drücker 30. Mai 2009 um 16:40  

"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, selbst wenn das Essen abgelaufen ist."? Verhungern muß ja zum Glück hierzulande niemand, also wird der, der für sein Essen nicht durch Geld verdient dann eben durch den Staat mit dem Lebensnötigsten, sprich HartzIV/Arbeitslosengeld2/Sozialgeld versorgt, natürlich auch zu deinen Lasten als Steuerzahler. Ist das besser? Daß auch entsorgte Lebensmittel zu jedem Zeitpunkt jemandem gehören, entweder noch dem Geschäft oder schon dem beauftragten Entsorger, das ist eine zwar juristische Betrachtung und im Prinzip muß das auch so sein, damit man nicht einfach Müll schwarz entsorgt. Aber wo ist das Problem, wenn sich Leute daraus das noch Brauchbare herausfischen? Wem fehlt's? Den Herren Aldi & Co sicherlich nicht und bei Teuerkauf hätten die "Containerer" wohl sowieso nicht eingekauft. Wenn du wüsstest, wieviel in unserer Gesellschaft Tag für Tag an guten Lebensmitteln weggeworfen wird, dann würdest du staunen. Das Weggeworfene haben die Läden natürlich trotzdem bezahlt und es geht als höherer Preis bei deinem Einkauf mit rein.
Oder sagen wir statt Läden besser Lebensmittelketten, denn private Ladenbesitzer kümmern sich um ihren Bestand, wirtschaften vorausschauend und verlagern Ware mit bevorstehendem Mindesthaltbarkeitsdatum entweder in den eigenen Haushalt oder setzen den Preis dafür rechtzeitig herunter. Die Ketten werfen's einfach weg, und zwar nach wie vor in großen Mengen, obwohl inzwischen die umtriebigen und in jeder Kleinstadt anzutreffenden Tafel-Organisationen viel einsammeln und gegen Nachweis an Bedürftige verteilen.

Wie schon gesagt, juristisch darf es keine Lücke in der Lebensmittelkette Herstellung-Vertrieb-Verkauf-Entsorgung geben, aber solange niemandem tatsächlich Schaden zugefügt wird und der Ort so hinterlassen wird, wie man ihn vorgefunden hat, dann sehe ich das Problem nicht - Polizisten im allgemeinen übrigens auch nicht, Geschäftsführer und -personal auch nicht unbedingt und auch Wachleute haben im allgemeinen anderes und besseres zu tun.

Wenn nichts weggeworfen wird wird sich niemand beschweren. Wenn Müll hochsicherheitsmäßig weggeschlossen wird oder absichtlich verunreinigt wird ist das 'ne Schweinerei. Hallo? Das sind Lebensmittel! Tiere zu züchten, zu schlachten und zu verarbeiten ist das eine. Das dann aber komplett ungenutzt zu vermüllen ist die Höhe!

Es hat übrigens meist nichts mit Armut oder Arbeitslosigkeit zu tun, wenn Leute containern gehen. Arme und Arbeitslose haben ein geregeltes Einkommen. So niedrig das auch sein mag, für die Ernährung reicht das in der Regel. Zudem gibt's ja inzwischen allerorts die Tafeln. Den meisten geht's um's Prinzip, nämlich an der allgegenwärtigen Verschwendung nicht teilzuhaben und sie stattdessen ein wenig zu mildern.

Und Essen ist sowieso nicht "abgelaufen", sondern höchstens ist das vom Hersteller nach eigenem Ermessen festgelegte Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht. Und das wird auch aus Ertragsgründen möglichst kurzzeitig angesetzt, also nicht nur, um auf der sicheren Seite zu sein, sondern auch, weil man so drei Joghurts absetzen kann, weil nur zwei davon beim Verbraucher ankommen, der dritte aber vorzeitig ensorgt wird. Naja, und die gutgläubigen Verbraucher werfen natürlich auch noch einiges ungeöffnet und ungeprüft weg, weil im eigenen Kühlschrank etwas "abgelaufen" ist.

Parasiten sind wir fast alle, denn fast niemand ist ein Genie, das etwas vollkommen neues erdenkt und realisiert. Wir anderen machen unsere kleinen oder großen Geschäfte, weil es möglich ist und jemand genialeres es uns so oder ähnlich vorgemacht hat.

Habe nichts damit zu tun, aber lies und glotz mal obige URL.

Gegenargumente?

Kurt aka Roger Beathacker 31. Mai 2009 um 20:52  

@ Drücker, um Missverstaendnissen vorzubeugen: ich verurteile das "containern" nicht - im Gegenteil. Aber ich halte auch nichts davon, wenn in - an sich eher wenig ergiebige - Meldungen, ohne irgendwelche Belege zusaetzliche Sachverhalte hineinphantasiert werden (hier: "Hartz-IV-Empfaenger).

Man hat Menschen daran gehindert Verwertbares aus Abfallcontainern sinnvoll zu "entsorgen". Das ist an sich schon uebel genug. Das war aber auch der ganze (bekannte) Tatbestand. Wer dann behauptet, dass es sich bei den "Ertappten" um Hartz-IV-Empfaenger gehandelt habe, der moege das aber bitte auch belegen und solcherlei rein spekulative "Vervollstaendigungen" auch weiter der Mainstream-Presse ueberlassen.

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