Donnerstag, 21. August 2008

Abstraktionen ...


"Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die gute Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt, weil es zu leicht ist, weil es zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande nach, nicht aus einem leeren Vornehmtun, das sich über das wegzusetzen stellt, was es nicht vermag, sondern wegen der inneren Geringheit der Sache.

Das Vorurteil und die Achtung für das abstrakte Denken ist so groß, daß feine Nasen hier eine Satire oder Ironie zum voraus wittern werden; allein, da sie Leser des Morgenblattes sind, wissen sie, daß auf eine Satire ein Preis gesetzt ist und daß ich also ihn lieber zu verdienen glauben und darum konkurrieren als hier schon ohne weiteres meine Sachen hergeben würde.


Ich brauche für meinen Satz nur Beispiele anzuführen, von denen Jedermann zugestehen wird, daß sie ihn enthalten. Es wird also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Dem gemeinen Volke ist er nichts weiter als ein Mörder. Damen machen vielleicht die Bemerkung, daß er ein kräftiger, schöner, interessanter Mann ist. Jenes Volk findet die Bemerkung entsetzlich: was, ein Mörder schön? wie kann [man] so schlecht denkend sein und einen Mörder schön nennen; ihr seid auch wohl etwas nicht viel Besseres! Dies ist die Sittenverderbnis, die unter den vornehmen Leuten herrscht, setzt vielleicht der Priester hinzu, der den Grund der Dinge und die Herzen kennt.

Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte. - Es kann wohl Leute geben, die, wenn sie solches hören, sagen werden: der will diesen Mörder entschuldigen! Erinnere ich mich doch, in meiner Jugend einen Bürgermeister klagen gehört [zu haben], daß es die Bücherschreiber zu weit treiben und Christentum und Rechtschaffenheit ganz auszurotten suchen; es habe einer eine Verteidigung des Selbstmordes geschrieben; schrecklich, gar zu schrecklich! - Es ergab sich aus weiterer Nachfrage, daß Werthers Leiden verstanden waren.

Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm [zu] vertilgen. Ganz anders eine feine, empfindsame Leipziger Welt. Sie bestreute und beband das Rad und den Verbrecher, der darauf geflochten war, mit Blumenkränzen. - Dies ist aber wieder die entgegengesetzte Abstraktion. Die Christen mögen wohl Rosenkreuzerei oder vielmehr Kreuzroserei treiben, das Kreuz mit Rosen umwinden. Das Kreuz ist der längst geheiligte Galgen und Rad. Es hat seine einseitige Bedeutung, das Werkzeug entehrender Strafe zu sein, verloren und kennt im Gegenteil die Vorstellung des höchsten Schmerzes und der tiefsten Verwerfung, zusammen mit der freudigsten Wonne und göttlicher Ehre. Hingegen das Leipziger [Kreuz], mit Veilchen und Klatschrosen eingebunden, ist eine Kotzebuesche Versöhnung, eine Art liederlicher Verträglichkeit der Empfindsamkeit mit dem Schlechten.

Ganz anders hörte ich einst eine gemeine alte Frau, ein Spitalweib, die Abstraktion des Mörders töten und ihn zur Ehre lebendig machen. Das abgeschlagene Haupt war aufs Schaffot gelegt, und es war Sonnenschein; wie doch so schön, sagte sie, Gottes Gnadensonne Binders Haupt beglänzt! - Du bist nicht wert, daß dich die Sonne bescheint, sagt man zu einem Wicht, über den man sich erzürnt. Jene Frau sah, daß der Mörderkopf von der Sonne beschienen wurde und es also auch noch wert war. Sie erhob ihn von der Strafe des Schaffots in die Sonnengnade Gottes, brachte nicht durch ihre Veilchen und ihre empfindsame Eitelkeit die Versöhnung zustande, sondern sah in der höheren Sonne ihn zu Gnaden aufgenommen."
G. F. W. Hegel. Werke in zwanzig Bänden. Bd. 2. Jenaer Schriften. Suhrkamp Verlag. FfM 1970. S.577ff.



Es ist genau dieses abstrakte Denken, dass z.B. jeden x-beliebigen Hartz IV Empfänger in den Augen etlicher Nichtbetroffener ganz in seinem Hartz IV Dasein aufgehen lässt. Dass dieser Mensch vielleicht die weitaus meiste Zeit seines Lebens kein Hartz IV empfangen hat, spielt keine Rolle mehr. Er ist (jetzt) Hartz IV Empfänger und das ist alles was er ist und jemals war.

Und es ist ebenso diese Form des abstrakten Denkens, die nicht zulässt, dass man z.B. die journalistische Vorgeschichte der der späteren Terroristin Ulrike Meinhof als einen positiven Aspekt ihres Lebens würdigt. Ich möchte dazu anmerken, dass sich Frau Meinhof auch auf andere Aspekte reduzieren ließe. Man könnte sie z.B. - was ebenso unangemessen wäre - nur als Journalistin sehen wollen oder auch nur als Selbstmörderin. Man könnte auch Otto Graf Lambsdorff nur als vorbestraften Steuerbetrüger sehen. Alles zutreffende Sichten - aber eben auch nur partikulare. Richtig in Hinsicht auf bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen dieser Personen und unvollständig im Hinblick auf ihr Dasein; zutreffend aber unwahr.

Derlei "Abstraktionsleistungen" werden womöglich aus der selben Quelle gespeist, die den "Feind" zum Un- oder Untermenschen mutieren lässt, was vermutlich die wichtigste Voraussetzung dafür ist, an sich harmlose Bürger in Kriegs- oder Bürgerkriegszeiten dazu zu bewegen, mit z.T. beispielloser Grausamkeit andere Menschen zu foltern und zu massakrieren. Es sind eben diese "Abstraktionsleistungen", die vonnöten sind um (beliebige) Feindbilder zu generieren. Wir sollten vor ihnen auf der Hut sein, auch - und vor allem - wo wir im Begriff sind sie womöglich selbst zu "vollbringen".

2 Kommentare:

aebby 23. August 2008 um 07:29  

Ich denke in dem Satz steckt das Wesentliche

> Alles zutreffende Sichten -
> aber eben auch nur partikulare.

Die bewusste Reduktion auf einen Aspekt produziert einfache Wahrnehmungen. Diese einfachen Wahrnehmungen lassen sich - als Wahrheiten verkauft - trefflich instrumentalisieren. :-/

Klaus Baum,  23. August 2008 um 23:54  

Roger, es freut mich, daß auch du diesen text von hegel schätzt. ich habe ihn im februar im zusammenhang der hamburg-hessen-wahl zitiert, und zwar hier:

Ole von Beust hat am Wahlabend DIE LINKE pauschal als linksradikal bezeichnet.

http://klaus-baum.webinformation.de/page/27/

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